Als das „schlechteste und schwierigste Jahr, in der Geschichte der August-Thyssen-Hütte“ bezeichnete der scheidende Konzernchef Hans-Günther Sohl das am 30. 9. 1971 abgelaufene Geschäftsjahr 1971/72. Der Bilanzgewinn von rund 70 Millionen Mark konnte wie im Jahr zuvor nur durch Rückgriff auf die Reserven erzielt werden. Der Betriebsverlust betrug mindestens 230 Millionen Mark. Der Umsatz sank erstmals unter die magische Zehn-Milliarden-Grenze von 10,4 auf 9,8 Milliarden Mark. Die 130 000 Aktionäre der ATH erhalten wie im Vorjahr eine Dividende von 7 Prozent.

Allerdings ist inzwischen eine deutliche Tendenzwende zum Besseren unverkennbar. „1972/73 werden wir“, so betonte Sohl, „die Dividende voll verdienen, wobei sich der Trend zur Normaldividende abzeichnet.“ Zwar erläuterte der Thyssen-Chef nicht näher, was er unter Normaldividende versteht. Immerhin zahlte Thyssen vor zwei Jahren noch 14 Prozent. Zumindest dürften die Aktionäre jedoch diesmal mit 10 Prozent rechnen können.

Die Zeichen hierfür stehen gut: Allein im Februar stieg die Rohstahlproduktion gegenüber dem Monatsdurchschnitt des Vorjahres um 15,7 Prozent auf 1,12 Millionen Tonnen. Der Fremde Umsatz der Thyssen-Gruppe stieg im ersten Quartal des laufenden Geschäftsjahres um 7,3 Prozent.

Im Mittelpunkt der Konzernpolitik stehen zweifellos der Ausbau der Auslandsproduktion und die praktische Zusammenführung Rheinstahls mit Thyssen nach der erwarteten Mehrheitsbeteiligung. Beide Schritte sind geeignet, die bisher regional wie sektoral zu schmale Basis zu verbreitern. In Cosigua bei Rio de Janeiro hat Thyssen gemeinsam mit der deutschstämmigen Familie Gerdau ein kleineres Stahlwerk mit einer jährlichen Anfangskapazität von 250 000 Tonnen errichtet, das wesentlich erweitert werden soll. Als zweiten Auslandsstützpunkt bestimmte Thyssen den Stahlwerkkomplex Fos bei Marseille, an dem die Deutschen jetzt eine Beteiligung von 5 Prozent erwarben, die später auf 25 Prozent aufgestockt werden soll. Daneben arbeitet Thyssen seit längerem an einem Projekt zur Erschließung von Erz- und Kohlevorkommen in Australien.

Im Inland erhofft sich der Konzern aus dem beabsichtigten Zusammengehen mit Rheinstahl eine große Anzahl von Rationalisierungsmöglichkeiten. Daneben erweitert er seine-Interessen auf den konjunkturell weniger anfälligeren Verarbeitungsbereich.

Eg.