Noch vor dem Abitur im Mai 1971 hatte ich mich auf die Suche nach einem sinnvollen Alternativdienst für die Bundeswehr gemacht, denn Kriegsdienstverweigerung allein ist noch keine Lösung. Ich interessierte mich für Arbeit in Israel und wandte mich an die Aktion Sühnezeichen. Nach einer einmonatigen Vorbereitung, die einen mehrtägigen Arbeitsaufenthalt auf dem Gelände des ehemaligen Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau einschloß, begann ich vor über einem Jahr meinen Einsatz in Israel.

Ein halbes Jahr lang arbeitete ich in einem Kibbuz im nördlichsten Zipfel Israels – eingeklammert zwischen der libanesischen Grenze und den Golanhöhen; ich schreckte nachts auf, wenn die Kartuschen der arabischen Guerillas in der Nachbarschaft einschlugen oder israelische MGs zurückfeuerten, und mich beschlichen Zweifel am Sinn meines Dienstes, als Zahal-Bomber und Panzer in unmittelbarer Nähe die Grenze zum Libanon überschritten, um die Gegend von Terroristen zu säubern. Da war der Zwiespalt: einerseits bin ich entschiedener Kriegsgegner, andererseits bejahe ich unbedingt das Lebensrecht des seit seiner Existenz gefährdeten Staates Israel. Es zeigt sich hier die Unmöglichkeit für einen Ausländer, einen Beitrag zur arabischisraelischen Annäherung zu leisten.

Die Konfrontation mit der Vergangenheit blieb mir nicht erspart. Mir wurde klar, daß in bundesdeutschen Schulen nicht genug über Auswirkungen des Naziregimes gelehrt wird, das Ausmaß der in deutschem Namen begangenen Verbrechen und ihre Erinnerung bei den betroffenen Völkern ist uns nicht genügend bewußt. Junge Menschen aus der Nachkriegszeit werden in Israel unweigerlich mit dem so furchtbar empfundenen Faschismus in Verbindung gebracht. Im Kibbuz kam oft die Rede auf die Vergangenheit, Juden, die die Schrecken des Nationalsozialismus überlebt hatten, sagten mir, sie würden es ablehnen, mit Vertretern der älteren Generation zu sprechen. Und immer wieder die Frage: Wie sieht es heute in Deutschland aus? Mit den oft schon im Lande geborenen „Zabarim“ entwickelt sich der Kontakt viel unbeschwerter, wenn die Sprachschwierigkeiten erst einmal überbrückt sind. Das Experiment Kibbuz, diese neue Form gesellschaftlichen Zusammenlebens unter den Prinzipien der Gleichheit, des gemeinsamen Besitzes und tagtäglich praktizierter Demokratie, steckt in der Krise. Die Begründung für diese Lebensform – etwa die Selbstverteidigung – fällt heute fort, und die zweite, manchmal schon dritte Generation drängt auf Veränderungen, die im allgemeinen auf größere individuelle Freiheit abzielen.

Ein ganz anderes Israel lernte ich in Jerusalem kennen, der seit dem Sechstagekrieg schnell expandierenden Hauptstadt mit heute knapp 300 000 Einwohnern (einschließlich der Araber aus der Altstadt und der neuen Viertel Ostjerusalems): Zentrum jüdischer Religion, gleichzeitig Brennpunkt jüdisch-christlich-moslemischer Auseinandersetzung und israelischer Konfrontation, die erfreulicherweise auch schon zu Kooperation führt. Meine Arbeit ist schwer: hier pflege und betreue ich schwer körperbehinderte Kinder. Neben der Arbeit bestehen viele Möglichkeiten, Beziehungen und Kontakte aufzunehmen: über das Pflegepersonal und die Erzieher, Studentenkreise und Mitglieder der Nachwuchsorganisation der in einer Koalition regierenden Arbeiterpartei. Einige von ihnen waren in die Bundesrepublik eingeladen worden, um die letzte Phase des Wahlkampfes zu beobachten, aber sie hatten diese Gelegenheit – wie verschiedene andere Delegationen auch – wegen der Zagreber Geiselbefreiung nach demokratischer Abstimmung ausgeschlagen. Jener spontane Entschluß verursachte heiße Diskussionen, ich versuchte, die Motive der Bundesregierung verständlich zu machen, ohne sie selbst ganz zu verstehen. Aber sie wollten nicht die Gastfreundschaft derer in Anspruch nehmen, denen sie jeden Augenblick wegen ihres Verhaltens Vorwürfe machen müßten. Und mit einem Mal wurde die ganze Brüchigkeit des deutsch-israelischen Verhältnisses deutlich.

Bald werde ich meinen eineinhalbjährigen Einsatz in Israel beenden, mit erweitertem Horizont und geschärftem politischem Empfinden. Es war sicher eine lohnende Alternative zur Bundeswehr, doch der Friedensdienst muß zu Hause fortgeführt werden. Martin Bitzan, 20 Jahre