Wie beruhigt man hochgradig erregte Gefangene: Durch Festschnallen oder Psychopharmaka?

Hamburgs neuer Justizsenator – bislang Senator für Gesundheit –, dessen neues Ressort mit schweren Hypotheken belastet ist, will ein Problem lösen, das sowohl Medizin wie Justiz angeht: Sollen „randalierende“, „tobende“ Gefangene wie bisher durch physische Gewalt zur Raison gebracht werden oder durch Medikamente?

Mit der physischen Bändigung hat Hamburg schlimme Erfahrungen gemacht. In der Beruhigungszelle des Hamburger Untersuchungsgefängnisses, der berüchtigten Glocke, sind mehrere Untersuchungshäftlinge endgültig beruhigt worden. Das heißt: Sie wurden dort zu Tode gebracht. Der letzte Fall, der des jungen Algerien-Franzosen Abdel Kader alias Silversmith, war der Anstoß zu dem Symposion von Ärzten, Juristen, Politikern und Journalisten, zu dem Senator Dr. Seeler in das Allgemeine Krankenhaus Ochsenzoll einlud. Abdel Kader bezahlte seinen sechsten Aufenthalt in der Beruhigungszelle (sie war nach dem Tod seines Schicksalsgenossen Haase acht Jahre zuvor modernisiert und mit weicheren, breiteren Lederriemen zum Fesseln ausgestattet worden) mit dem Tod.

Seelers Vorgänger im Amt, Justizsenator Heinsen, unter anderem wegen des Abdel-Kader-Skandals in Bedrängnis, hatte der ZEIT schon 1971 gesagt: „Ich bin seit langem für die medikamentöse Beruhigung, aber die Ärzte wollen da nicht ran.“

Beim Symposion wurde klar, daß Heinsen damit die Wahrheit sagte. Denn so argumentierten dort die Ärzte:

„Medikamente, ausschließlich zur Wiederherstellung von Ruhe und Ordnung angewandt, machen den Arzt zum Büttel des Strafvollzugs.“

„Der Übergang vom plausiblen Protest zum, krankhaften Erregungszustand entzieht sich der Kenntnis des erst im Höhepunkt herbeigerufenen Arztes.“