Von Marianne Kesting

Seit einiger Zeit ist in der Literaturforschung viel von „Rezeptionstheorie“ die Rede, obgleich es eine generelle Theorie zu diesem Thema gar nicht gibt und in den bisherigen Ansätzen dazu meist nicht einmal genau unterschieden wird, daß es schließlich verschiedene Kategorien der „Aufnahme“ eines literarischen Werks gibt, grob gesprochen mindestens vier:

1. die Rezeption durch die breiten Lesermassen, die sich in den Bestsellerlisten niederschlägt; ihre Untersuchung ist teils Sache der Soziologen, teils Sache der Werbetechniker der Verlage;

2. die Rezeption durch die Kritik, die eine spezielle Vermittlung zwischen Fach- und Leserpublikum übernimmt;

3. die Rezeption durch die „confrères“, wie Mallarmé sie nannte, nämlich die anderen Dichter, die „Einflüsse“ aufnehmen;

4. die „innerästhetische“ Rezeption; sie betrifft die vom Autor in das Werk ästhetisch eingeplante Rolle des Lesers.

Der Anglist Wolfgang Iser ist einer der Inauguratoren in der Erforschung der innerästhetischen Rezeption, die für die moderne Literatur steigende Bedeutung gewinnt. Gerade die sogenannte anspruchsvolle Literatur scheint sich ja in dem seltsamen Paradox zu bewegen, daß sie, je mäßiger die Werke auf den Bestsellerlisten werden, um so stärker auf den vom Autor eingeplanten idealen Leser reflektiert, den bereits Baudelaire im Eingangsgedicht der „Fleurs du mal“ emphatisch ansprach: „Hypocrite lecteur – mon semblable – mon freie.“