Nach drei Jahren Stagnation hofft Italiens Industrie auf einen neuen Boom

Eine Wo die vor der Freigabe des Lira-Kurses überraschten Italiens Konjunkturforscher die Öffentlichkeit: Nach drei Jahren der Stagnation ließ eine Repräsentativbefragung der italienischen Unternehmerschaft erstmals wieder einen nachhaltigen Tendenzwandel erkennen. Die Optimisten unter den Geschäftsleuten überwogen im Januar 1973 um 31 Prozent diejenigen Unternehmer, die nicht mit einer Verbesserung der Geschäftslage rechnen. Von den Exportfabrikanten erwarten sogar drei Fünftel eine geschäftliche Belebung.

Das optimistische Ergebnis der Konjunkturumfrage freilich ist noch mit vielen Wenn und Aber versehen. So kann vor allem die Entwicklung der sozialen Konflikte oder die römische Parteipolitik selbst dem bereits beginnenden Aufschwung schnell wieder ein Ende bereiten. Daß sich indes die Lage vieler Branchen in den letzten Wochen verbessert hat, steht außer Zweifel. So wissen etwa die mittleren und kleinen Spezialunternehmen des Anlagen- und Maschinenbaus in der Lombardei nicht mehr, wie sie die Auftragsfülle bewältigen sollen.

Dazu hat vor allem die Einführung der Mehrwertsteuer am 1. Januar dieses Jahres beigetragen. Die Lager des Groß- und Einzelhandels waren am Ende des Jahres 1972 völlig geräumt. Schon viele Monate vorher hätte der Handel nur ein Minimum an Vorräten gehalten, da die Umstellung des Umsatzsteuersystems bereits ein Jahr vorher stattfinden sollte und immer wieder verschoben wurde. Jedermann wußte nämlich, daß die Einführung der Mehrwertsteuer der geeignete Augenblick zur möglichst unauffälligen Erhöhung der Preise war.

Tatsächlich kündigten die Fabrikanten bereits acht Wochen vor Jahresende Preisaufschläge an, die mit steigenden Kosten motiviert wurden. Zufällig entsprachen diese Aufschläge in den meisten Fällen mit zwölf Prozent genau dem Standardsatz der Mehrwertsteuer. Die Hersteller haben damit ihren in den letzten drei Jahren stark eingeengten Ertragsspielraum schlagartig verbessert. Es lohnt sich wieder, zu produzieren und zu verkaufen.

Der Handel hat sich sofort auf die neue Kalkulation eingestellt und gibt Bestellungen auf. Bei den Möbelherstellern, in der Lederindustrie und der Textilwirtschaft ist man sehr zufrieden über diese Entwicklung. Und, nie wurden so viele Autos bestellt wie in den letzten Tagen des alten Jahres. Auch die Stahlindustrie berichtet von einem Auftragsboom.

Allerdings geht gleichzeitig die Stahl- und Autoproduktion zurück. Denn Italiens Stahlarbeiter streiken für die 38-Stunden-Woche. Die Unternehmer lehnen diese Forderung ab. Begründung: Die Industrie des Landes könne sich die kürzesten Arbeitszeiten Europas nicht leisten, zumal die Produktivität am niedrigsten ist.