Von Manfred Sack

Seltsam, dieses offenbare Bedürfnis vieler Menschen, in den Ferien alles auf den Kopf zu stellen. Auf einmal ist alles anders: Arbeit wird Lust und heißt Hobby; der gute Geschmack erlaubt sich sonderbare Ausschweifungen und ergötzt sich an Kitsch und nachgemachten Idyllen; Pflichten wie die Gesundheit werden Urlaubsinhalt, und Autofahrer stellen sich auf die Beine und schreiten aus. Es gehört zu den überraschenden Beobachtungen in Rheinland-Pfalz, daß jedermann, der in diesem Lande etwas mit Fremdenverkehr zu tun hat, sich bemüht, seinen Urlaubsgästen etwas zu tun zu geben, und das nicht bloß zur Sommerszeit.

So könnte man das Wald- und Weinland zum Beispiel geographisch pointieren mit drei hier besonders ausgeprägten Ferienbeschäftigungen:

An der Mosel zwischen Koblenz und Trier ist man – ebenso an den anderen Weinflüssen hier – eingeladen zu Weinseminaren. Sie dauern einen oder einige Tage, versprechen Aufschlüsse über Weinbau, -sorten, -lagen, Weinkeller und enden mit einer Weinprobe von fünf und mehr Sorten. Manchmal kriegt man sein Weingenießertum – wie nach dem Weinkolleg des Trierer Hotels Merian – auf einer Urkunde bescheinigt.

Weiter im Süden an der Nahe, in der eigenartig zerklüfteten Stadt Idar-Oberstein, in der tatsächlich fast jedermann den Umgang mit Edelsteinen pflegt und wo das seit Jahrhunderten so Brauch ist, können Urlauber dergleichen probieren, sogar regelrecht lernen. Im Diamantenstudio des Herrn Wünsch beispielsweise können sie erfahren, wie Diamanten ausgesucht, beurteilt, zersägt und schließlich auf unendlich geduldige Weise zu Brillanten geschliffen werden, und gleich sieht man den kleinsten der Welt im Modell, einen Winzling von 0,005 Karat, aber mit allen 57 Facetten. Oder man lernt hier – wo gerade, 22 Stockwerke hoch, die erste und einzige Diamanten- und Edelsteinbörse der Welt errichtet wird – die wichtigste, aufreibendste, sensibelste, gleichwohl immer noch am schlechtesten bezahlte Arbeit der Gegend, das Edelsteinschleifen. Es gibt dafür Kurse. Man sollte dennoch nicht auf den Besuch in einer der beiden letzten „Wasserschleifen“, beispielsweise der des Edelsteinschleifers Ernst Biehl, verzichten, wo in einem Alchimisten-Interieur wundersame Sachen entstehen und nach geheimem Rezept: „Nicht mal meinem Sohn, der ist jetzt dreiundzwanzig, habe ich es verraten“, sagt der Meister, strahlender Genießer eines Berufes ohne Arbeitsteilung und Entfremdung.

Drittens kann man in den Hunsrückdörfern Münchwald und Spabrücken, aber auch jenseits des Rheins, im Westerwald, töpfern lernen. Wer etwa bei Georg Peltner in Höhr-Grenzhausen, einem Töpfermeister mit pädagogischem Temperament und Sammlerleidenschaft, nicht Tasse oder Topf zustande gebracht hat, kann kaufen: Der Schlesier im Kannenbäckerland pflegt Schlesisches und Westerwälderisches. Übrigens ist er ein liebenswürdiger Mann mit gesundem Berufsstolz.

Aber Rheinland-Pfalz hat andere, markantere geographische Pointen. Dem Atlas zufolge gliedert es sich in sieben Gebiete, von denen zwei – Eifel und Pfalz – schon ihre Reiseprüfung hinter sich haben. Es bleiben: Mosel und Saar, der Hunsrück, das Rheintal, Rheinhessen und der Westerwald. Es gibt indessen noch plausiblere Merkmale, sich das Land zu vergegenwärtigen, und das sind: die Flüsse, die Wälder, die Burgen, auch zwei Berge.