ARD, Montag, 19. März: „Kathedralen in der Wüste“, von Edith Schmidt und David Wittenberg

Ich habe acht Kinder“, sagte der alte Bauer (ärmlich gekleidet, sprach er wie ein großer Herr und gewaltiger Geschichtenerzähler), „sie wachsen heran, werden groß und gehen fort. Das Land ernährt sie nicht; ich muß zusehen, wie meine Familie sich auflöst; ich kann nichts dagegen tun“. Und ein anderer Bauer, der neben ihm stand, ein junger Mann, fügte hinzu: „Sehen Sie die Wasserleitung? Da unten! Das Wasser ist für die Grundherren, wir aber haben nicht einmal genug, um unser Gesicht damit zu waschen.“

In einem, erschütternden, vom Pathos des j’accuse getragenen Film, Edith Schmidts und David Wittenbergs Report „Kathedralen in der Wüste“, wurden, am Beispiel der Region Tarent, die Auswirkungen eines Systems beschrieben, das die wenigen auf Kosten der vielen reich werden läßt. Mit Hilfe einer beispielhaften Belehrung auf zwei Ebenen, einer Demonstration, die das Prädikat mustergültig verdient, gewann hier ein (vermeintlicher) Einzelfall Stellvertretungscharakter.

Die Betroffenen schilderten ihr Elend; die Autoren machten sichtbar, wo dessen Ursachen liegen. Die einen stellten fest, die anderen analysierten einen Prozeß. Während die Bauern die Ernte beschrieben, die für sie keine ist, sprachen die Filmemacher von der Saat. Wurden hier, in plastischer Rede, Tatsachen an den Pranger gestellt, so sahen sich dort, mit Hilfe der Statistik und exakten soziologischen Forschung, die Gründe der Misere benannt.

Dialektik eines Lehrstücks auf höchstem Niveau: Schmidt und Wittenberg brachten die Praktiken jener Konzerne zutage, deren Anwälte sich, das Licht scheuend, nicht den Kameras stellten. Sie benannten das Zusammenspiel zwischen der Mafia und den Christdemokraten und scheuten sich nicht, die Bankiers des Vatikans – es ging ums Baugeschäft – an die Seite der Mafioten zu rücken.

Die Arbeiter auf der anderen Seite, das Wechselspiel funktionierte exakt, machten deutlich, was eine solche Kooperation auf den oberen Rängen für die bedeutet, die am Ende die Zeche bezahlen – Tod am Arbeitsplatz: „Am Hochofen zu arbeiten, das ist hier in Tarent wie im Krieg“; allgemeine Resignation (die Unternehmer fahren aufs Land und holen die Reservearmee von den Feldern; Arbeitslose verhindern die Solidarität der Arbeitenden); das Elend in den Katen und Slums: „Ich muß für jedes Büschel Trauben, das ich mit nach Hause nehme, dem Grundherrn Rechenschaft geben.“ „Die Industrieabwässer nehmen den Fischern ihren Beruf.“ „In jedem Jahr dreißig tödliche Unfälle bei ITALSIDER; wir können unseren Kameraden nicht helfen, wenn sie in den Flammen verrecken.“ (Eine Bilderfolge: Leichen werden hochgehievt. Die Arbeiter beklagen die Toten. Der Kommentar macht deutlich, daß Schutzvorrichtungen profitfeindlich seien.)

„Kathedralen in der Wüste“: Ein Film, von dem zu lernen ist, daß nur die Balance zwischen Konkretion und Abstraktion, dem Dokument und dem Kommentar, der Schilderung von Tatsachen und der Benennung von Gründen, die das Tatsächliche nicht als naturwüchsig, sondern als gemacht interessenabhängig und veränderbar kennzeichnet... ein Film, von dem zu lernen ist, daß nur die Dialektik die Wahrheit dingfest machen kann.