Immer wenn die Gummersbacher Mannschaft angriff, richteten die „wackeren Schwaben“ auf dem Spielfeld – lautstark und zeitweise sogar tatkräftig von fanatischen Anhängern unterstützt – ihr besonderes Augenmerk auf Hans-Günther („Hansi“) Schmidt: sie versuchten ihn festzuhalten – einzeln oder mit vereinten Kräften –, sie klammerten sich an ihn, sie zerrten an ihm, hingen an seinem rechten Wurfarm, sie versuchten, ihn mit Worten zu provozieren, sie boxten ihn (nach dem Spiel mußte seine Oberlippe genäht werden), sie würgten ihn; ja, es gelang ihnen sogar, ihn mehrmals zu Boden zu reißen, aber zum endgültigen „K. o.“ reichte alles nicht aus. Hatte man in Göppingen etwa die Parole ausgegeben, den gefürchteten Torschützen des VfL Gummersbach – egal auf welche unsportliche Art – kampfunfähig zu machen?

Guten Grund, ihren „Hansi“ nach vollbrachter Schwerstarbeit hochleben zu lassen und ihn überschwenglich zu beglückwünschen hatten seine Mitspieler, Freunde – von denen es in solchen Augenblicken besonders viele zu geben scheint – und die Schar der Offiziellen. – „Hansi“, den sie liebevoll auch „Hansi-Bär“ nennen, auf dem Spielfeld eher einem gereizten vorwärts stampfenden Bullen vergleichbar, hatte wieder einmal ein wichtiges Spiel für seinen Verein gewonnen. Mit einer Ausnahmeleistung, die vor allem auf seine immense Konzentration während des gesamten Spielverlaufs zurückzuführen ist, erzielte er 13 von 21 Toren für die Oberbergischen. Von zehn Siebenmeter-Strafwürfen, die der Gummersbacher Mannschaft zugesprochen wurden, schoß er neun; allein den ersten Versuch vermochte der sehr gute Rathjen im Göppinger Tor abzuwehren, die weiteren acht verwandelte Schmidt mit selten erlebter Sicherheit. Lediglich einmal ließ er sich von seinem Mitspieler Westebbe ablösen.

Muß man den 30jährigen Pädagogen auch uneingeschränkt als Garant des Gummersbacher Finalerfolges bezeichnen, zu den Ausnahmeerscheinungen im internationalen Hallenhandball ist er kaum zu zählen. H. G. Schmidt, der „Bomber“, war es, der mit einem unsinnigen und bösartigen Foul am Göppinger Studentennationalspieler Fischer den offenen als auch den häßlichen, versteckten Schlagabtausch zwischen beiden Teams und damit eine Serie von 16 Siebenmeter-Strafwürfen und 12 Zeitstrafen eröffnete. H. G. Schmidt, der „Erfolgreiche“ an diesem Nachmittag, konnte es sich nicht verkneifen, nach jedem seiner Torerfolge die gegnerischen Spieler hämisch auszulachen, den enttäuschten Göppinger Anhang durch entsprechende Handzeichen noch mehr zu reizen. Tätlichen Angriffen durch einige Hitzköpfe nach Spielende ging er nicht aus dem Weg. H. G. Schmidt hieb kräftig mit drein.

Überhaupt war Schlagen in diesem 24. Hallenhandball-Endspiel Trumpf – einer Begegnung, die der Bezeichnung „Spiel“ im landläufigen Sinn in krassester Form widersprach. Brutalität, die der Gummersbacher Altinternationale Kosmehl – ohne im entferntesten am Spielgeschehen beteiligt zu sein – mit einem klassischen Niederschlag mittels perfekten Körperhakens krönte – und nur eine lächerliche zweiminütige Zeitstrafe erhielt beherrschte das Spiel und erreichte nicht vorstellbare Ausmaße. Mit einem schönen, begeisternden, technisch raffinierten Spiel hatte wohl kaum jemand gerechnet, daß es aber zu einer derart unerbittlichen Schlacht ausartete, die mehrmals abgebrochen zu werden drohte, sollte man sehr schnell vergessen oder sich mit Grausen vom Hallenhandballspiel abwenden.

Es wäre allerdings falsch, allein die Aktiven für dieses miserable Spektakel schuldig zu sprechen; Ein veränderter Austragungsmodus mit über mehrere Spieltage verteilter Spannung bietet sich an. Zu überlegen wäre auch ein erweiterter Teilnehmerkreis am Europapokal. Ohne den Gummersbacher Sieg schmälern zu wollen, die spielerisch bessere Mannschaft – und hierin stimmen viele Experten überein – war Frischauf Göppingen.

Eberhard Wuttke