Von Claus Donate

Noch immer schwankt das Bild der Widerstands- und Spionageorganisation „Rote Kapelle“ in Geschichte und Literatur. Es ist kontrovers, teils dunkel, teils schillernd. Deshalb ist es so wichtig, daß jetzt zum erstenmal ein aktiver Mitkämpfer aus der Berliner Gruppe, der die Verfolgung durch die Gestapo überlebt hat, seine Memoiren vorlegt

Greta Kuckhoff: „Vom Rosenkranz zur Roten Kapelle“; Verlag Neues Leben, Berlin 1972; 434 S., 9,– DM (ist in der Bundesrepublik in internationalen Buchhandlungen erhältlich).

Gewiß, auch andere Überlebende der Gruppe hatten schon Rechenschaft abgelegt, so der Bühnenschriftsteller Günter Weisenborn, der letzte sozialdemokratische Kultusminister in Preußen und spätere niedersächsische Kultusminister Adolf Grimme und der DDR-Historiker Heinrich Scheel. Aber sie waren wohl mehr Randfiguren.

Greta Kuckhoff jedoch stand im Zentrum. Sie brachte den Dichter Adam Kuckhoff mit dem ihr schon seit ihrem Studienaufenthalt in Amerika am Ende der zwanziger Jahre bekannten Ehepaar Arvid und Mildred Harnack zusammen, sie nahm Verbindung mit den Schulze-Boysens auf, sie wußte von der Spionagetätigkeit Harnacks und dessen Verbindungen zum sowjetischen Geheimdienstmann Erdberg, sie schleppte sowjetische Funkgeräte bereits acht Tage vor dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion durch Berlin.

In dem bekannten Buch des Spiegel-Redakteurs Heinz Höhne über die „Rote Kapelle“, worin Greta Kuckhoff ziemlich schlecht wegkommt, heißt es über die Zeit nach 1945 lapidar: „Lebt in der DDR“ – nun, im Dezember 1972 feierte die gelernte Ökonomin Kuckhoff, hochgeehrt, ihren 70. Geburtstag – sie war langjährige Volkskammerabgeordnete, Präsidentin der Notenbank der DDR und zeitweiliges Mitglied des Ministerrates.

Die kommunistische Funktionärin – sie fand erst über den Widerstand zur Partei – entstammt ärmlichen katholischen Verhältnissen. Sie scheut sich nicht, in warmen Worten von ihrer katholischen Jugend zu sprechen, von Gedichten für den Erzbischof, die sie als Kind verfaßte. Sie schildert ihren Studienaufenthalt in Amerika – den Trotz, das Nicht-Sich-Anpassen, das sie ihr ganzes Leben lang beweisen sollte: im Dritten Reich, in der Zusammenarbeit der Roten Kapelle, im Zuchthaus, im Staat der DDR – sie berichtet von ihrem Zusammentreffen mit der großen Liebe ihres Lebens, mit dem Dichter Adam Kuckhoff, von der täglichen schwierigen Arbeit in der Illegalität, von Nervenzusammenbrüchen, Verhaftungen und Verhören, vom Prozeß, von der Gefangenschaft und von der Befreiung durch die Rote Armee. Aber sie gesteht sich auch ein, daß sie in ihrer Schweizer Zeit an „unsozialistischen“ Schlemmereien ihre Freude hatte, sie verteidigt ihre in den Augen ihres Mannes oft zu bürgerlich-damenhaften Allüren, ihre Liebe zu Antiquitäten

Sie läßt die Gestalten der Roten Kapelle wiederauferstehen, Harro Schulze-Boysen, den „wagemutigen jungen Offizier“, der „uns alle belebte“, zwar „den Worten nach“ kein Marxist, aber „dem Geiste nach“; seine nervlich überspannte Frau Libertas, anders dargestellt als in der üblichen DDR-Lesart; die Amerikanerin Mildred Fish-Harnack; der Theoretiker Arvid Harnack; der von der abstrakten Kunst herkommende Bildhauer Kurt Schumacher, eine der faszinierendsten Figuren des Widerstands überhaupt, der sich in seinem Abschiedsbrief als Testamentsvollstrecker der Tilman Riemenschneider, Jörg Rathgeb und Veit Stoß sieht, die auf der Seite der unterdrückten Bauern gekämpft hatten.

Greta Kuckhoff erinnert sich aber auch in Freundschaft an den religiösen Sozialisten Adolf Grimme, über den sie zwar nach 1945 enttäuscht war (da er nicht wie sie den Weg zur SED und in die DDR fand, sondern in der Bundesrepublik als Sozialdemokrat ein Mann der ersten Stunde wurde), den sie aber nicht verdammt. Sie hält ihren Freunden und Helfern die Treue; den Hartensteins, ebenfalls Sozialdemokraten, welche die Vormundschaft für den kleinen Sohn Ule übernommen hatten; der „kriminellen“ Zellengenossin Hanna Melzer, die in den schweren Tagen der Haft zu ihr gehalten hatte; dem Gefängnispfarrer Dr. Ohm; der lutherisch-frommen Gefängnisdirektorin Anne Weider; dem Pflichtanwalt Rudolf Behre und dem NS-Gerichtsvorsitzenden Alexander Kraell, dem sie – zum Teil wenigstens – ihr Leben verdankt. Kurzum: Ihr Buch ist ein Hohelied auf Menschen, denen sie – die Kommunistin und „Parteifrau“ – begegnet ist und denen sie über Parteischranken hinweg ein ehrendes Angedenken bewahrt.

In fast lyrischen Szenen schreibt sie von der späten Geburt und der frühen Kindheit des Sohnes Ule, dem der todgeweihte Vater ein paar Verse hinterließ: „Mein lieber Sohn, du großes spätes Glück / so lasse ich dich vaterlos zurück? / Ein ganzes Volk, nein, das ist viel zu klein / das Menschenvolk wird dir dein Vater sein.“ Durch den Gefängnispfarrer erfuhr sie von der Hinrichtung des Gatten und der Freundinnen; erst vermeinte sie, nicht mehr weiterleben zu können, bis sie erkannte: „Ich Narr – der Schmerz des Abschieds – er ist nie der letzte – bis man selber der ist, der für immer geht.“

Auch Greta Kuckhoff bestätigt die Entdeckung Margret Boveris, daß der Kommunist zwei Vaterländer besitzt: das natürliche – Deutschland – und das ideologische – den Kommunismus und damit die Sowjetunion. Sie bleibt überzeugt, daß die Tätigkeit der Roten Kapelle – im Gegensatz zur Gruppe um den 20. Juli – den Krieg verkürzt und damit das Leben französischer, russischer und vor allem auch deutscher Soldaten gerettet hat – die makabre Wahl, wie Weisenborn sie nennt, zwischen 100 000 und zwei Millionen toten Soldaten (ob das der tatsächlichen Wirkung entspricht, sei dahingestellt).

Noch vieles mehr wäre zu nennen: die Verbindung mit anderen Gruppen des Widerstands, mit der einzigen jüdischen Widerstandsgruppe um Herbert Baum, zur „Weißen Rose“ über Arvids Bruder Falk Harnack, zum Kreisauer Kreis über Arvids Bekannten Dohnaniy, zu dem Dichter Albrecht Haushofer, zu den Brüdern Bonhoeffer.

Zwar fließen in das Buch hie und da marxistisch-leninistische Formeln ein, von denen der mit ihr seit den zwanziger Jahren befreundete Historiker Jürgen Kuczinski zu ihr sagte, sie klängen so, „wie wenn Truppen in die Schlacht ziehen würden mit dem Ruf ‚Tod dem Imperialismus als höchstem Stadium des Kapitalismus‘ “. Jedoch für eine Marxistin, deren Gebot, wie sie selbst schreibt, Parteilichkeit heißt, sind es erstaunlich wenig.

Greta Kuckhoff hat gegen den Nationalsozialismus gekämpft mit all den Mitteln, die sie für Rechtens hielt. Dies hinderte sie nicht, als Überlebende vor der Volkskammer Milde für die kleinen Nazis zu fordern. Anpassen wollte sie sich auch in der DDR nicht. 1958 schied die Notenbankpräsidentin aus Volkskammer und Ministerrat aus, weil sie sich mit Walter Ulbrich; über die Rolle der Banken im sozialistischen Staat nicht einig wurde. Seitdem sitzt sie als „Vizepräsidentin des Deutschen Friedensrats“ in der – wie der DDR-Kundler Ernst Richert es nennen würde – „Ehrenvitrine verdienter Funktionäre“.

Ihr Buch ist „parteilich“, kämpferisch, aber ehrlich. Als das SED-Zentralkomitee sie aufforderte, in ihrem Manuskript einiges zu streichen oder zu verändern, erwiderte sie, dies sei keine Geschichte der Roten Kapelle, sondern die „Geschichte meines Lebens“, und beließ die meisten beanstandeten Stellen. Auf meine Frage, ob die DDR der Staat sei, für den Harro Schulze-Boysen, Arvid Harnack und Adam Kuckhoff ihr Leben gelassen hätten, antwortete sie: „Ich weiß nicht, ob Adam hier glücklich wäre, auf jeden Fall aber glücklicher als in der Bundesrepublik.“

Ihr Buch kann uns helfen, die deutsche Gruppe der Roten Kapelle künftig nüchterner und unvoreingenommener zu betrachten. Diese Gruppe war, anders als man es in einem Großteil der Literatur liest, mehr als nur eine obskure Gruppe von Abenteurern, Sexbesessenen, Hysterikerinnen und mißbrauchten Idealisten. Sie bestand zum großen Teil aus „deutschen Linken“ – wobei beide Worte zu betonen sind –, die, von Hitler angewidert, das NS-Regime bekämpften und ihr Land vor Schaden und Schande bewahren wollten: Künstler, Soldaten, Arbeiter, Wissenschaftler, Ärzte, Studenten, eine übergroße Zahl an Frauen, auch an Kommunisten, die jedoch nicht die Unterwerfung Deutschlands unter das neue stalinistische, sondern seine Befreiung vom alten faschistischen Joch wollten, Kämpfer für eine – zweifellos idealisierte und nicht voll durchdachte – sozialistische Zukunft.

Sie gingen einen Weg, den nicht jeder Widerstandskämpfer gehen konnte und auch nicht zu gehen brauchte. Doch sie stehen in den Reihen des deutschen Widerstands und verdienen geachtet zu werden, über Partei- und Ideologiegrenzen hinweg.