Von Ernst Dieter Schmickler

Und hier sehen Sie bereits deutliche Ansätze des Frühkapitalismus“. Mit dieser fraglos mutigen Version interpretierte in der Dresdner Kunstsammlung der Fremdenführer vor der verdutzten Delegation des Deutschen Sportbundes das bedeutsame Gemälde „Der Zinsgroschen“ von Tizian. Erika Dienstl, Vorsitzende der Deutschen Sportjugend und einzige Dame in den beiden Deutschen Sportverhandlungsdelegationen, konstatierte verwirrt: „Das war ein tolles Ding.“ Während die ideologischen Maximen hier deutlich wurden, bemühten sich die DDR-Gastgeber bei dem Sportgespräch vergangener Woche in der Stadt der „Schönen Künste“ um gutes Klima, Kultur und Gesellschaftsstandard.

Nach getaner Arbeit fühlte sich der Präsident des Deutschen Turn- und Sportbundes, Manfred Ewald, auch in der Rolle des jovialen Gesellschafters wohl. Auf Schloß Moritzburg, ein Jagdschloß aus dem 16. Jahrhundert, dem zwei Kavalierhäuser zugeordnet sind, mußten sich die Mitglieder des Deutschen Sportbundaufgebotes geehrt fühlen. 71er Miessner Ratsweinberg Weißburgunder, Erlauer Stierblut (ungarisch), Sekt „Schloß Wackerbarth“ und ein opulentes abendliches Schlemmermahl sah die Speisekarte auf Schloß Moritzburg vor. Wie selten zuvor zeigte sich der DDR-Sportführer Manfred Ewald der bundesdeutschen Delegation mit Dr. Wilhelm Kregel, Willi Daume, Horst Korber, Karl-Heinz Gieseler, Erika Dienstl und Pressereferent Karl Bellmer gegenüber aufgekratzt und optimistisch.

Nach der Unterzeichnung des Grundvertrages durch die Regierungen in Bonn und Ostberlin sowie den Auswirkungen des Viermächte-Abkommens für die Sportbindungen Westberlins zu den Organisationen der Bundesrepublik gibt es erstmals rechtsverbindliche Abmachungen für die innerdeutschen Sportbeziehungen, ein Begriff, der der DDR-Seite ein penetrantes Ärgernis ist. Wie sehr aber Taktieren und Positionsgewinn zum Geschäft der DDR-Sportpolitik gehören, sollten die Gäste aus der Bundesrepublik schon bald zu spüren bekommen.

Unbestritten ist aber auch, daß die personell sehr gut besetzte „DSB-Mannschaft“ Grundpositionen mutig und unnachgiebig vertreten hat. Ostberlins Sportchef Manfred Ewald ging gleich zur Ouvertüre in die Offensive. Seine Situationsbeschreibung, der Zeitpunkt sei günstig, um einen neuen Anfang zu machen, untermauerte er mit dem Angebot, in sogenannten Jahresprotokollen feste Vereinbarungen für die Ausrichtung von Sportbegegnungen auf allen Ebenen zu treffen. Als Vorbild sollten dabei die kürzlich mit Jugoslawien und dem schwedischen Reichssportbund getroffenen Absprachen dienen. Ewald nannte beispielsweise die Kieler und Ostseewoche, Länderkämpfe und Klubbegegnungen.

Diese Bereitschaft, so schien es, könnte der erste positive Schritt in den Sportbeziehungen zwischen der DDR und der Bundesrepublik seit Jahren sein. Doch schon bald stellte sich die Frage, ob Ewald nicht bewußt hoch gepokert habe, in dem Wissen, daß kurze Zeit später in der „Berlinfrage“ durch unüberbrückbare Gegensätze eine Einschränkung kostenlos geliefert werde. So könnte sich die Zusage für einen „Deutschen Sportjahreskalender“ als wertlos erweisen, wenn sich bis zum 10. Mai die Standpunkte in der Berlinproblematik nicht näher gekommen sind.

So gesehen war es ein hervorragender Schachzug, mit dem Berliner Juristen und Mitarbeiter in den DSB-Führungsgremien, Senator Horst Korber, einen Mann vorweisen zu können, der dem Dreiergespann des DTSB mit Klugheit und fundierter Sachkenntnis Paroli zu bieten wußte. Nach dem sachlich und korrekt verlaufenen Meeting im „Elbflorenz“, unweit der wiedererstandenen Kreuzkirche im Renommierhotel Newa, verheimlichte DSB-Präsident Dr. Wilhelm Kregel nicht, daß es gegenwärtig in der Beurteilung der Zugehörigkeit des Westberliner Sports zu den Sportorganisationen der Bundesrepublik „unüberbrückbare Gegensätze“ gibt.