Von Wolfram Siebeck

Côte d’Azur, im März

In alten Häusern werden, wie man weiß, im Keller Skelette und Schatzpläne auf dem Dachboden gefunden. Dieses Haus hier hat zwar einen eindrucksvollen Ausblick auf die Bucht von St. Tropez, aber, weil es neu ist, weder Keller noch Dachboden. Dennoch hatte ich das Glück, bei der Suche nach meinen Aufschlüsseln in der Nische für das Kaminholz ein Dokument von außerordentlichem Interesse zu finden. (Wieso ich meine Autoschlüssel an einem so merkwürdigen Ort suche? Ganz einfach: Weil ich sie an den merkwürdigsten Orten verlege! Ich habe sie schon in der Dachrinne wiedergefunden und in einem alten Gartenhandschuh. Wenn Sie jemand ein Haus verlassen und zum Auto gehen sehen, wo er sich minutenlang die Taschen abklopft, um dann wieder für längere Zeit im Haus zu verschwinden, dann bin ich es.) Was da hinter staubigen Holzscheiten lag, ist eine Art Bordbuch, das die verschiedenen Sommergäste während ihres Aufenthaltes in diesem Haus geführt haben.

Tagebuchschreiben ist die literarische Mode der Saison. Besonders unsere Damen machen kein Geheimnis aus ihren Geheimnissen. Unter dem Stichwort „Sonntag, den 14.“ erfährt man aus ihren Diarien eher, daß sie sich mit Ehebruchsabsichten tragen, als daß sie in wörtlicher Rede darüber Auskunft geben, warum man kein einziges sauberes Hemd im Schrank hat. Auch in diesem Hausbuch sind sie weit in der Überzahl: Während ihre Urlaubspartner stundenlang regungslos in der Sonne braten, werden sie von wachsendem Bekenntnisdrang geplagt.

Schließlich schleichen sie sich ins Haus zurück, wo sie mit Bleistift und einem Seufzer der Erleichterung unter „Montag“ vermerken, daß das Meer heute ganz ruhig sei.

Solche harmlosen Beobachtungen werden jedoch nur in den ersten Tagen gemacht. Danach geht es steil bergab: „Dienstag. Brotsäge war nicht aufzutreiben. Mitnahme aus Solingen wird empfohlen. Dagegen kostete das kleine Hümmelchen einen halben Daumen bei dem Versuch, damit eine Salami zu zerlegen.“

Ich habe sofort in der Küche nach dem „kleinen Hümmelchen“ gesucht, dabei zwar meine Autoschlüssel gefunden, sonst aber nichts, was einen so extravaganten Namen verdiente und gleichzeitig aussah, als ob es einen halben Touristendaumen auf dem Gewissen haben könnte. Die nächste Eintragung: „Der Mond steht heute erst um 02.00 über St. Tropez!“ kann nicht darüber hinwegtäuschen, daß die Schreiberin einen Tag zuvor innig an das heimatliche Solingen dachte. Andere heimische Begriffe tauchen bereits am nächsten Tag auf: „Merke: Hamburger (links) und Stuttgarter (rechts) sind laute Nachbarn!“