Von Gottfried Sello

Das Erwartete ist nicht eingetreten. Die bildenden Künstler haben den Beitritt zur Gewerkschaft nicht vollzogen. Sie haben ihn auch nicht abgelehnt, aber die Entscheidung vertagt, bis spätestens Ende 1974. Eine Chance ist vertan, finden die einen, die Überstimmten. Und die andern sind glücklich, daß sie sich dem Genossen Zugzwang nicht gebeugt haben, daß sie sich zu keiner übereilten Entscheidung haben nötigen lassen.

Wer sind die einen und wer die andern? Man könnte annehmen, es handle sich um eine linke und eine rechte Fraktion innerhalb der Künstler, um einen politisch progressiven, gewerkschaftsfreundlichen und einen konservativen, reaktionären Flügel, der die Gewerkschaften ablehnt. Aber so stimmt es nicht. Die Sache ist viel komplizierter und einigermaßen rätselhaft.

Was auf der Bundesdelegiertenversammlung des "Bundesverbandes bildender Künstler" (BBK), die am letzten Wochenende in Bad Godesberg tagte, wirklich vor sich ging, ist nicht ganz aufzuklären, geschweige denn zu erklären. Über keine der rund zwei Dutzend Fragen, die zur Verhandlung anstanden, wurde so lange und so leidenschaftlich diskutiert wie über die Gewerkschaftsfrage, sowohl offiziell wie hinter den Kulissen. Aber nichts Prinzipielles stand zur Debatte, nicht darum ging es, ob Künstler sich gewerkschaftlich organisieren sollen und welche Vorteile sie sich eigentlich davon versprechen. Diese Fragen hatte schon der Frankfurter Künstlerkongreß im Juni 1971 positiv und mit großer Mehrheit entschieden. In Godesberg waren Gewerkschaftsgegner entweder nicht vorhanden, oder sie verzichteten aus taktischen Gründen darauf, sich zu Wort zu melden. Selbst im Lager der Bayern begnügte man sich mit dumpfem Murren, Zwischenrufen und gelegentlichen Störfragen. Offenbar hat im Rahmen des BBK niemand mehr Lust, sich antigewerkschaftlich zu artikulieren, weil sich das nicht auszahlt, wo doch auch Ministerpräsident Kohl und die CSU zum mindesten verbal gern mit dem DGB kontaktieren.

Die 69 in Godesberg versammelten Bundesdelegierten hatten sich also nur damit zu befassen, welcher Gewerkschaft sie sich anschließen sollten und zu welchem Zeitpunkt. Zwei konkurrierende Gewerkschaften kommen in Betracht: die IG Druck und Papier, für die sich die Schriftsteller auf dem Hamburger Kongreß im Januar 1973 entschieden haben, und die Gewerkschaft Kunst. Der Landesverband Berlin im BBK plädiert entschieden und lautstark für den Anschluß an die Gewerkschaft Kunst. Er hat schon im Dezember 1972 einen entsprechenden Antrag formuliert und ihn jetzt der Bundesdelegiertenversammlung vorgelegt. An diesem Antrag der Berliner, für den Dieter Ruckhaberle verantwortlich zeichnet, hat sich der Streit der Godesberger Delegierten entzündet, der dem Außenstehenden, dem in die gewerkschaftlichen Interna nicht Eingeweihten, um so unverständlicher erscheinen muß, weil beide Gewerkschaften, die IG Druck und Papier ebenso wie die Gewerkschaft Kunst sich nur als vorbereitende und Durchgangsstadien verstehen für eine zukünftige Kultur- und Mediengeverkschaft, die alle an der Kulturindustrie Beteiligten zusammenfassen und vereinigen soll. Über das Ziel, die zu begründende Mediengewerkschaft, ist man sich einig, bei den Künstlern ebenso wie bei den Schriftstellern, den Journalisten, den Musikern, Schauspielern – so einig, wie sich Zigtausende eben sein können. Auch im BBK ist man grundsätzlich über das Klassenziel einer Meinung. Warum dann aber dieser verbissene Kampf, dieser harte und häufig genug unfaire, unsachliche Schlagabtausch, den sich die Teilnehmer der Godesberger Tagung lieferten?

Die Berliner Delegierten waren und sind der Ansicht, der beste, bequemste Weg in die Mediengewerkschaft führe über die Gewerkschaft Kunst. Einige Landesverbände, Bremen und Hessen beispielsweise, hatten sich ihnen schon vor Monaten angeschlossen. Es galt als ziemlich sicher, daß der Antrag eine Mehrheit finden würde. Aber bevor es zur Abstimmung kam, war der Antrag vom Tisch: 40 Delegierte hatten für "Nichtbefassung" gestimmt, eine ausreichende, keine überwältigende Mehrheit, die, ereiferten sich die Gewerkschaft-Kunst-Anhänger, aus einer unheiligen Allianz hervorgegangen sei. Die Ultras auf beiden Seiten hätten sich zusammengefunden und den Anschluß an die Gewerkschaft Kunst vereitelt, die Rechten, weil sie prinzipiell gegen die Gewerkschaft sind, die Linken, weil sie die IG Druck und Papier favorisieren. H. P. Alvermann, der sich seit Jahren als Wortführer der linken Fraktion im BBK profiliert hat, hat keinen Zweifel daran gelassen, wo seine und seiner Freunde Sympathien liegen. Aber als geschickter Taktiker hat er darauf verzichtet, den Beitritt zur IG Druck und Papier zu beantragen, weil der Antrag mit Sicherheit abgelehnt worden wäre. Er hat nur davor gewarnt, sich in eine "voreilige und möglicherweise falsche Entscheidung" hineinmanövrieren zu lassen, ein demokratischer Meinungsbildungsprozeß sei gerade erst angelaufen und noch lange nicht abgeschlossen, die Kollegen seien nicht ausreichend informiert. Und mit diesen fadenscheinigen Argumenten hat er schließlich die Mehrheit hinter sich gebracht.

Tatsächlich, und das wissen auch Alvermann und seine Freunde, ist die Gewerkschaftsfrage im BBK gründlich und bis in die letzten Einzelheiten hinein diskutiert worden. Der Bundesvorstand hat gleich nach dem Frankfurter Künstlerkongreß die Verhandlungen mit dem DGB aufgenommen, und er hat die Ergebnisse in einem Bericht publiziert, der nicht weniger als 102 Seiten umfaßt. Er enthält außer den Verhandlungsprotokollen einen Katalog von 14 Fragen, die von der Gewerkschaft Kunst und der IG Druck und Papier ausführlich beantwortet worden sind. Da werden sämtliche Probleme behandelt, die den Künstlern auf den Nägeln brennen, die gesetzliche Altersversorgung, Urheberrecht, öffentliche Auftragsvergabe, kulturpolitische Forderungen, Erweiterung des Kunstunterrichts, aber auch rein organisatorische Fragen nach Position und Einfluß des BBK innerhalb der Gewerkschaft, nach der Beitragshöhe wurden gestellt und beantwortet. Mehr an Information kann man vernünftigerweise nicht verlangen. Die Schriftsteller waren jedenfalls sehr viel weniger informiert, als Dieter Lattmann sie auf dem Hamburger Kongreß in die IG Druck und Papier schickte.