Von Fritz J. Raddatz

Wenn einer der interessantesten deutschen Autoren – mit Sicherheit wohl der einzige, der in den letzten Jahren auf dem Gebiet der Theorie so systematisch wie erfolgreich gearbeitet hat – sich mit dem profiliertesten Soziologen der Nach-Habermas-Generation zu einem gemeinsamen Buch zusammentut, dann ist dieser Vorgang bereits von profunderem Interesse als irgendeine belletristische Neuerscheinung der jeweiligen Saison. Das Buch ist es auch –

Oskar Negt/Alexander Kluge: "Öffentlichkeit und Erfahrung zur Organisationsanalyse von bürgerlicher und proletarischer Öffentlichkeit"; edition suhrkamp 639, Suhrkamp Verlag, Frankfurt; 490 S., 10,– DM.

Es ist voller Widerhaken, Widerspruch und Weiterungen, quasi Band 2 zu Jürgen Habermas’ "Strukturwandel der Öffentlichkeit" (dessen intime Kenntnis die Autoren auch expressis verbis voraussetzen).

Der Unterschied zwischen der von Habermas 1961 vorgelegten Habilitationsschrift und dieser neuen Argumentationsfibel gibt seismographisch genau die Veränderungen an, die sich gesellschaftspolitisch, also auch ideologisch in der Bundesrepublik zeigen lassen: Negt und Kluge wollen weniger argumentieren als aktivieren.

Bereits der Untertitel zeigt, daß ihnen nicht an einer Zustandsanalyse gelegen ist, sondern an dem Ausdenken möglicher neuer Organisationsmodelle – weg von bürgerlicher, hin zu proletarischer Öffentlichkeit.

Dieses motorische Denkgesetz des Buches, dieses Element des Nichtstatischen bis ins sprachliche Detail hinein ist sein Faszinosum; es ist wohl auch Ursache für das Unfertige. Denn das Eingangsbekenntnis aus der Vorrede: "Wir behaupten in unserem Buch nicht, daß wir angeben können, was der Inhalt proletarischer Erfahrung ist", grenzt bewußt aus, was allenfalls an Erwartung für theoretische Fertigbauweise an eine solche Untersuchung herangetragen werden könnte.