Wir leben in einem Rechtsstaat, gewiß. Aber hier stellt sich schon das Problem, denn ich behaupte, daß die Mehrheit der Bürger nicht ausreichend über Rechte und Pflichten in diesem Staat informiert ist. Diese Unwissenheit beginnt in den Schulen. Dort bestehen Rechtsverordnungen, die Lehrern, Schülern und auch den Eltern bestimmte Verhaltensweisen vorschreiben. Wer ist über diese Verhaltensweisen – in Gesetzen, Erlassen und Verordnungen niedergelegt – informiert? Die Lehrer schon, die Schüler nie und die Eltern, da sie obrigkeitsstaatliches Denken gewohnt sind, selten.

Wer ist auch daran interessiert, daß Schüler lernen, Denkprozesse zu vollziehen, Probleme nach Zuständigkeit und Rechtmäßigkeit einzustufen? Schüler werden in keiner Weise auf die rechtliche Situation vorbereitet, in der sie sich nach Abschluß der Schule befinden.

Sie müßten informiert sein über die Ausbildung von Lehrlingen bis hin zum Betriebsverfassungsgesetz, Wehrpflicht- und Zivildienstgesetze bis hin zu Disziplinarrechten, Ordnungsrechten an Universitäten über Landeshochschulregelung des Numerus-clausus-Problems.

Die Situation ist für alle ähnlich: Der Bürger lernt die Gesetze erst kennen, wenn er unmittelbar und ganz persönlich ihre Vorteile oder Einschränkungen erfährt. Aber er versteht sie und die dazugehörigen Kommentare nur in den seltensten Fällen, weil er nicht in der Sprache dieser Gesetze denken gelernt hat.

Es bestehen aber keine Zweifel darüber, daß wir in einem funktionstüchtigen demokratischen Staat ohne diese Verhaltensmaßregeln nicht leben. können; die Demokratie wird um so leistungsfähiger und gerechter, je mehr der einzelne Bürger diese Verhaltensmaßregeln (ohne die Hilfe eines Experten) nicht nur in der reaktiven Form ihrer Ausführung, sondern auch in den Tatsachen ihrer Bedeutung und ihres Ursprungs kennt.

Deshalb fordere ich alle Schüler und Lehrlinge, Eltern und Lehrer auf, durch Eigeninitiative die inhaltliche Strukturierung des Unterrichts über sozialkundliche Fragen so zu ändern, daß wir mit Recht behaupten können, als mündige Bürger in einer rechtsstaatlichen Demokratie zu leben.

Peter Cornelius, 20 Jahre