Von Karl-Richard Könnecke

Wer fährt schon einfach nach Finnland? Man fährt „hinauf“ nach Finnland. Man ist „oben“ in Finnland gewesen,– auch wenn es nur bis zum Kaffeezeit der Familie Snellman *) auf Helsinkis malerischem Marktplatz am Hafen gereicht haben sollte (was, geographisch gesehen, in Finnland ebenso wie in seiner Hauptstadt als „ganz unten“ einzustufen wäre).

Aber kein Zweifel: Dieses Land Suomi ist eines der letzten Hoch-Ziele in der europäischen Reiselandschaft. Obwohl es in der Sommersaison an Touristen nicht eben mangelt, so fühlt sich doch jeder von ihnen als Elitereisender und als zu Abenteuern entschlossener Entdecker einer exotischen Welt zwischen Mitternachtssonne und exotischen zwischen Sauna und Polarkreis. Als Gebildeter weiß man zwar, daß es in Finnland erstens keine Eisbären gibt und daß sie zweitens nicht auf den Straßen umhertollen ... aber begegnete man einem solchen Biest – ehrlich, wer würde nicht triumphierend denken: Aha, also doch!

Es ist die Suche nach Aha-Effekten, die einen zum erstenmal hinauflockt. Und was dabei so schön ist – die meisten stellen sich tatsächlich ein. Kaum ein Finnland-Klischee, das sich nicht prompt bewahrheitet. Nehmen wir als Beispiel nur die Natur. Unvorstellbar tiefe Wälder voller Stille, Schwermut, duftender Schönheit, ein bißchen Sibelius hinter jedem Birkenstamm? Gibt es – aha! Tausend Seen? Nein, mehr als sechzigtausend. Aha, aha! Dieses wilde, menschenleere Lappland mit seinen Tundren, Rentieren und wenigen Lappen? Vorhanden und gefahrlos zu besichtigen – aha! Mitternachtssonne? Bitte sehr – in Utsjoki am nördlichsten Ende Finnlands zum Beispiel vom 18. Mai bis 25. Juli, in Rovaniemi vom 6. Juni bis 5. Juli, und noch in Kuusamo vom 15. bis 27. Juni. Und wo sonst in Europa scheint so lange die Sonne, und gleich rund um die Uhr? Italien, Portugal? Pah – aha!

Vor diese exotischen Vergnügen aber hat das Schicksal die Anreise gesetzt. Sie ist lang, nicht eben billig (siehe Informationen und Preise), dafür selten langweilig. Als Deutscher bedient man sich entweder des Flugzeugs, des Schiffes oder des Autos. Am schnellsten geht’s natürlich durch die Luft (wenn auch längst nicht so preiswert wie mit den Touristenjumbos nach Mallorca oder anderswohin). Ab Frankfurt braucht man knapp zweieinhalb Stunden, von Hamburg aus weniger als zwei Stunden bis nach Helsinki. Wenn Finnlands Uhren bei der Ankunft eine Stunde mehr zeigen, dann gehen sie nicht vor, sondern richtig: Finnland hat osteuropäische Zeit. Ist es in Hamburg noch 12, schlägt es in Helsinki schon 13.

Wer mit Kind und Kegel reist (und Finnland ist ideales Zielland für Familien und/oder junge Leute, die Ferienrummel nicht schätzen), wird Schiff oder Straße oder beides vorziehen. Von Travemünde ab mit der Autofähre bis in die finnische Hauptstadt – das bedeutet anderthalb Tage Ostsee, anderthalb Tage Kreuzfahrtstimmung, genüßliche Einstimmung auf das Zielerlebnis. Je eher man die Plätze bucht, desto besser. Sonst bleibt nur der Weg über Dänemark und Schweden. Von Stockholm oder Norrtälje aus ist es dann noch eine Schiffstagereise nach Helsinki oder Turku. Und je weiter nördlich der Weg an der schwedischen Küste entlangführt (Eins-a-Straßen, aber Höchsttempo 70 beziehungsweise 90!), desto häufiger, kürzer und billiger sind die Fährverbindungen über den Bottnischen Meerbusen: Etwa von Sundsvall, örnsköldsvik oder Umeå nach Vaasa, von Skellefteä nach Kokkola. Wer aber das Meer gar nicht liebt, der bummelt noch ein paar hundert Kilometer weiter und fährt bei Haparanda auf der Landstraße ins finnische Tornio ein. (Hamburg–Haparanda zweitausend Kilometer!)

Sollten Sie aber überhaupt nicht kilometerscheu sein und auch ein gutes Verhältnis zu Intourist nicht als Makel empfinden, kann ein zweiter Landweg nach Finnland empfohlen werden. Er führt via DDR, Polen über Minsk, Smolensk, Moskau, Nowgorod, Leningrad, Viborg und Vaalima. Zugegeben, das ist ein kleiner Umweg und eine Anstrengung fürs Auto. Sie gewinnen aber das Erlebnis einer ungewöhnlichen Reiseroute und können zudem ziemlich sicher sein, der Familie Müller von nebenan nicht über den Weg zu fahren.