Die üblichen Erwartungen werden verstört

Die Provokation klappt immer noch: Bei Vorführungen der Filme von Werner Nekes, selbst auf Festivals, knallen Türen und regt sich Protest; die Herausforderung auf der Leinwand, ungewohnt und unbequem, ruft Äußerungen von Ärger, Verblüffung, Aversion und Aggression hervor, die viel über die üblichen Erwartungshaltungen und Seh-Rituale im Kino verraten könnten.

Dabei betreibt Nekes nichts anderes als eine so konsequent wie phantasievoll und sensibel intonierte „Architektur des Films“, Operationen mit dem optischen Vokabular aus den Anfängen des Films, Experimente, die man formalen, abstrakten, strukturellen, absoluten, oder Materialfilm genannt hat. Von irgendeinem Inhalt, den die gezeigten Bilder eines Films vermitteln, verweisen Nekes’ Montagen den Zuschauer auf die Art und Weise der Vermittlung; ihr Thema ist ihre Form, ihre Machart selbst, und, so Nekes, „nicht der gefilmte Gegenstand teilt sich mit, sondern die in der Filmsprache begründete Möglichkeit der Abbildung des Gegenstandes“. Eine äußerst aktuelle Konzeption, wenn man an den Boom der Mediendidaktik und -pädagogik, der Kommunikationswissenschaft und der Wirkungsforschung denkt.

„T-WO-MEN“ ist ein programmatischer Titel, der zunächst „Two Women“, zwei Frauen, bedeutet („Z-WEI-BER“, sagt Nekes, hätte zu komisch geklungen) und den Inhalt des Films benennt: eine Beziehung zwischen zwei Mädchen, ohne Handlung oder eine Entwicklung, isoliert von sozialer, zeitlicher, örtlicher Fixierung. Die Schreibweise des Titels deutet zugleich auf die Syntax des Films, sein Kompositionsprinzip: Erzeugt normalerweise eine Projektion von 24 Einzelbildern pro Sekunde infolge der Trägheit unseres Auges die Illusion einer kontinuierlichen Bewegung, so beeinflußt auch beim Schnitt, der Koppelung nicht zusammengehörender Bilder also, das vorhergehende das folgende und umgekehrt; mit einer neuen Sequenz beginnt nicht etwas absolut Neues, sondern eine Atmosphäre, ein Rhythmus, ein Thema wird variiert fortgesetzt, das Bild „T“ greift in das Bild „WO“, und das ist mit dem Bild „MEN“ verklammert.

Nekes hat eine komplizierte visuelle Informationstheorie parat, um das ungleich höhere Spannungs- und Informationspotential dieser Einzelbildschaltung gegenüber der simulierten Bewegungschronologie zu belegen (der Informationsgehalt des Films steigt mit der Differenz zwischen seinen Bildern); er träumt davon, auf physikalischem Wege die aufgewendete Energie bei der traditionellen Bild-auf-Bild-Rezeption und bei der Informationsaufnahme in der Montagekombination zu messen, zumal das Sehen schneller geworden sei, die Zuschauer etwa beim Werbefernsehen die waghalsigsten Bildsprünge zu verarbeiten trainiert seien.

„T-WO-MEN“ ist ein wohltemperiertes Lehrstück dieser Art, bewegte Bilder zu sehen, eine routiniert-kühle und oft sehr schöne, ja sinnliche Exemplifikation optischer Polyphonie, gebaut wie eine mehrstimmige Fuge in fünf Teilen. Zuerst die Ouvertüre, die, formal gesehen, relativ konventionell-linear verläuft und bei der eher das optische Angebot interessiert: die zwei Mädchen in einer Toreinfahrt vor einem goldenen Lichteinfall, eine Stadtansicht, tristgraue und sattbraune, sonnige Landschaften, vor allem aber ziemlich kurz montierte Detailaufnahmen mit einem stark erotischen Fluidum – Haare, ein Nacken, eine Hand, Beine mit bestickten und Netzstrümpfen, ein Fuß mit Schuh, Strumpfhosen, ein Strumpfband, ein Fuchspelz, glänzende tintenblaue und grellgelbe Kleiderstoffe, Blumenmuster, ein rotes Kissen, vage sexuelle Bewegungen der beiden Figuren. Dazu hört man, sporadisch eingesetzt und mit halber Geschwindigkeit gespielt, Tonfetzen und Sequenzen aus Wagners „Tristan“-Ouvertüre.

Der zweite Teil zeigt ein Mädchen an einer Felsenküste und die zwei Mädchen an einem Tisch; dieser Teil enthält insgesamt 30 000 Einstellungsänderungen. Nekes baut permanent zeitliche und lokale Differenzen in eine immer noch chronologisch vorstellbare Einzelbildmontage ein, er reduziert etwa den Schwenk entlang einem Bein auf drei Einstellungen: Fuß, Schienbein, Knie. Das Ergebnis ist ein flackerndes, flirrendes Furioso, das unterlegt ist mit einer Gitarrensequenz, ebenfalls mit halber Geschwindigkeit gespielt, abwechselnd stark zurückgenommen oder zu lauten, bizarren Klängen gesteigert.