Von Gabriel Laub

Warum fängt ein anerkannter Lyriker an, historische Romane zu schreiben? Warum unterzieht er sich der Notwendigkeit, Tausende von Seiten zu studieren, um festzustellen, wo an einem gewissen Tag einzelne Divisionen der kämpfenden Armeen standen oder wie der Tagesablauf in einem Franziskanerkloster aussah? Will er dem ewigen Gespräch mit sich selber und mit der Gegenwart entgehen – oder sucht er eben für dieses Gespräch einen festeren Boden? Will er der Vergangenheit Fragen stellen, oder will er mit ihrer Hilfe die Antworten untermauern, für die das lyrische Ich ein nicht ausreichend glaubwürdiger Zeuge ist?

Der tschechische Dichter Jiři Sotola, erfolgreicher Autor von elf Lyrikbänden, ehemaliger Sekretär des Schriftstellerverbandes und Chefredakteur der „Literární noviny“, der heute in der Tschechoslowakei nicht publizieren darf, unternahm in seinem neuen historischen Roman –

Jiři Sotola: „Vaganten, Puppen und Soldaten“, aus dem Tschechischen von Alexandra und Gerhard Baumrucker; C. J. Bucher Verlag, Luzern/Frankfurt; 375 S., 28,– DM

– ganz bestimmt keine Flucht vor dem Streitgespräch mit sich selbst und der Zeit. Er versuchte auch nicht, die Gegenwart in der Maske der Vergangenheit vorzustellen. „Abgelehnt wurde“, sagte Ludvík Vaculík in seinem ZEIT-Interview (erschienen in Nr. 3/1973), als er die heutige Publikationspolitik in der ČSSR schilderte, „Jiři Sotolas historischer Roman ‚Kuře na rozni‘ (Vaganten, Puppen und Soldaten), geschrieben in einer wunderschönen Sprache, der in keiner Weise Gegenwartsverhältnisse berührt, ebensowenig wie sein vorangegangenes, noch erschienenes, doch gleich darauf verbotenes und aus den Bibliotheken entferntes Buch ‚Tovaryšstvo Ježíšovo‘ (Grüß den Engel), ein Werk, weise, ruhig, ohne Anzeichen zeitgenössischer Neurose, erhaben, ein Kunstwerk.“ Was man „aktuelle Anspielungen“ nennt, findet man in diesem Roman kaum. Daß jedoch jede geschichtliche Situation eine einzige „Anspielung“ auf die Gegenwart ist, kann keine Zensur – und auch kein Autor – verhindern. Es stand schon auf einer Tontafel der alten Assyrer im siebten Jahrhundert vor Christus: „Vorgestern und noch früher lebte man nicht anders, als man immer lebt.“

Sotola geht in die Geschichte, weil er nach der Identität seines Volkes sucht. In diesem Sinne bilden „Vaganten, Puppen und Soldaten“ eine Fortsetzung von „Grüß den Engel“. Dessen Thema war die Rebellion und Kapitulation des einzelnen und des Volkes zur Zeit der katholischen Gegenreformation in Böhmen im siebzehnten Jahrhundert. Am Anfang des neunzehnten, nach hundertachtzig Jahren Herrschaft der Habsburger, waren die Tschechen kein Rebellen-Volk mehr. Nicht einmal Napoleon konnte diesem Volke Hoffnung bringen, wie er sie dem polnischen nationalen Adel brachte. Nur der einzelne konnte noch die Rebellion wagen, und ihre einzige Form war auch die ohnmächtigste – die Flucht.

Der Held Sotolas, Matĕj Kuře, ein Landstreicher, Komödiant, Puppenspieler, ist dauernd auf der Flucht. Zweimal wird er gewaltsam zum Regiment eingezogen, und er flüchtet aus zwei historischen Schlachten – bei Marengo und bei Austerlitz. Er will nicht Geschichte machen – für wen auch? Für den österreichischen Kaiser? Er würde ihm gern als Narr dienen, nicht jedoch als Soldat. Die Geschichte ist ihm egal, er will leben.