Es scheint für den Menschen sehr schwierig zu sein, dem Tier – vor allem dem Säugetier, mit dem er biologisch am engsten verwandt ist – mit nüchterner Haltung entgegenzutreten. Jahrtausendelang wurden Tiere vermenschlicht. Man unterschob ihnen Gedanken, Gefühle und vor allem moralische Eigenschaften. Seit einigen Jahrzehnten versuchen populäre Autorer, den entgegengesetztenWeg einzuschlagen. Der Mensch wird zoologisch betrachtet, als nackter Affe eingestuft; man versucht, durch Vergleiche mit Graugänsen, Buntbarschen, Ratten und Pavianen spezifisch menschliche Verhaltensweisen zu erklären.

Jüngst hat sich wieder einmal gezeigt, wie leicht man auch auf dem letzteren, scheinbar demütigen und sich selbst sogar als naturwissenschaftlich mißverstehenden Weg in die Irre gehen kann. In einem Versuch, das Problem der menschlichen Aggressionen zu erklären, haben Autoren wie Konrad Zacharias Lorenz und Robert Ardrey darauf hingewiesen, daß der Mensch im Zuge eines „Domestikationsprozesses“ natürliche Tötungshemmungen eingebüßt habe. Außerdem würden diese Hemmungen, den Artgenossen zu töten, durch die Erfindung der Waffen geradezu unterlaufen. „Schon der Faustkeil gibt die Möglichkeit, so rasch und plötzlich zu töten, daß das Opfer keine Gelegenheit mehr, hat, durch Schmerzensschreie, Demutgebärden usw. die Aggressionshemmung des Angreifers wachzurufen, die ihn am Brudermord hindern würde, müßte er diesen mit seinen natürlichen, am Körper gewachsenen Waffen begehen“, sagt Lorenz. Er stellt dem aggressiv enthemmten Menschen, den er mit einer „Mißgeburt“ vergleicht, ein friedliches Tierreich gegenüber, in dem die Aggression stets zumBesten der Arterhaltung gezügelt sei. „Wo großtiertötende Raubtiere dauernd in Gesellschaft zusammenleben, wie etwa Wölfe oder Löwen es tun, müssen verläßliche und dauernd wirksame Hemm-Mechanismen am Werke sein, die völlig selbständig und von den wechselnden Stimmungen der Einzeltiere unabhängig sind.“

Solche Lehren werden gern akzeptiert, denn für viele Leute verbinden sich auch heute noch Tierliebe und Menschenhaß zu einem schwer durchschaubaren Ersatzglauben. Aber die These von den zuverlässig aggressionsgehemmten Löwen, die niemals ihresgleichen umbringen, ist leider falsch – und viel spricht dafür, daß die ganze Theorie von den enthemmten menschlichen und den gehemmten tierischen Aggressionen einfach nicht stimmt.

Der amerikanische Tierforscher Georg Schaller (bereits durch Arbeiten über Gorillas und Tiger bekannt) hat drei Jahre lang die Löwen in der Serengeti studiert. Er verfolgte sie insgesamt 149 000 Kilometer und beobachtete die Tiere 2900 Stunden lang. Viele interessante Einzelheiten kamen dabei ans Licht. Die Löwengesellschaft ist um eine Weibchengruppe zentriert, die gemeinsam die Kinder aufzieht und auch die Beute kooperativ fängt – dem Vorurteil von den einzelgängerischen Katzentieren zum Trotz. Die männlichen Löwen führen eine parasitäre Existenz; sie lassen die Weibchen Beute machen und kommen erst dann, um sich mit ihrer überlegenen Stärke den größeren Anteil zu sichern.

Besonders bemerkenswert ist aber, daß die Löwen auch ihresgleichen töten, sagt Schaller in seinem Buch „The Serengeti Lion“, das 1972 in Chicago erschienen ist. Er beobachtete mehrere Kämpfe, die tödlich endeten, und eine ganze Reihe weiterer Auseinandersetzungen, die zu so schweren Verletzungen führten, daß die Überlebenschancen eines oder beider Kämpfer stark vermindert wurden. Einmal beobachtete Schaller sogar Mord und Kannibalismus. Eindringende Löwen hatten das Männchen einer Gruppe getötet und fraßen dann die nunmehr ungeschützten Jungtiere.

Der Harvard-Zoologe Edward O. Wilson weist in einer Rezension von Schallers Buch in der Wissenschaftszeitschrift Science (Band 179, S. 466, 1973) darauf hin, daß man den Mord an Artgenossen desto häufiger vorfindet, je genauer eine Art in der Feldforschung untersucht wird. Bisher wurde er bei vielen wehrhaften Tieren nachgewiesen, ganz im Gegensatz zu der Theorie von Lorenz. Hyänen, Nilpferde, Languren, Makaken und einige weitere Säugetierspezies sind keineswegs friedlicher, sondern wohl erheblich aggressiver als der Mensch, wenn man als Kriterium die Zahl aggressiver Interaktionen zugrunde legt, in denen ein Kämpfer ernstlich verletzt wird.

Würde ein Zoologe vom Mars eine Menschengruppe, die ähnlich zahlreich und zufällig ausgewählt wäre wie die Serengeti-Löwen, 2900 Stunden lang beobachten, dann könnte er kaum mehr als einige harmlosere Raufereien von Kindern und vielleicht ein Wortgefecht zwischen Erwachsenen feststellen. Er würde heimkehren und berichten, Homo sapiens sei ein außerordentlich friedliches Lebewesen. Wilson glaubt sogar, daß der Mensch auch dann noch weniger aggressiv ist als viele Tierarten, wenn man seine Kriege miteinbezieht und als Berechnungsgrundlage die Zahl ernstlicher Angriffe pro Individuum und Zeiteinheit akzeptiert.