Eltern, die aus dem Ausland zurückkehren, beurteilen die Erfahrungen ihrer Kinder in zweisprachiger Umwelt häufig negativ: Die Kinder seien sozial isoliert gewesen oder fanden sich nach der Rückkehr nach Deutschland in einer isolierten Atmosphäre wieder; sie seien in ihrer Sprachentwicklung gehemmt und sprächen sowohl Muttersprache als auch Zweitsprache gleichermaßen unvollkommen.

Zahlreiche deutsche Forscher geben ihnen recht. In Untersuchungen wurde immer wieder nachgewiesen, daß jemand, der in der prägenden Zeit des Spracherwerbs mit zwei Sprachen zugleich konfrontiert wurde, sich nirgendwo so ganz „zu Hause fühlt“ und gleichsam zwischen zwei Stühlen sitzt. Sprache wird damit eher als Kulturträger denn als Kulturmittler angenommen und die Funktion als Informationsträger bagatellisiert.

Warnungen kommen aber auch aus dem Sprachenschmelztiegel USA. „Die Sprachentwicklung verzögert sich mit aller Wahrscheinlichkeit in beiden Sprachen“, schreibt Elizabeth Hurlock, die das bisher modernste und informativste Handbuch zur Entwicklungspsychologie herausbrachte. „Außerdem kommt es zu einer Verwirrung im Denken, wenn das kleine Kind für ein und denselben Begriff zwei verschiedene Worte lernen muß.“ Nachteiliger aber sei es noch, daß zweisprachig erzogene Kinder (hier meistens Kinder von Einwanderern) „sich in mancher Hinsicht von den anderen Kindern unterscheiden“ und dieses „Anderssein“ sei ein starkes Hindernis für die Anpassung. Unterlegenheit und Minderwertigkeitsgefühle seien die Folge. Die Fremdsprache empfiehlt sie deshalb nicht vor dem dritten Schuljahr anzugehen.

Neuere europäische Forschungen bestätigen, daß Benachteiligungen durch Zweisprachigkeit vorwiegend aus einer verständnislosen Umwelt kommen. Gruppenprüfungen mit homogenen ein- und zweisprachigen Schülern (Wilhelm Wieczerkowski: „Bilingualismus im frühen Schulalter“, Helsinki 1963) ergaben, daß Zweisprachigkeit die geistigen Leistungen nicht hemmt, daß aber Lehrer dazu neigen, fremdsprachige Schüler negativer einzuschätzen. Zweisprachler waren zwar im Gebrauch von Reimwörtern und abstrakten Begriffen etwas benachteiligt, zeigten aber gegenüber der einsprachigen Gruppe eine weitaus höhere geistige Lebhaftigkeit und Spontaneität. Sie standen jedoch während der Prüfungen unter einer höheren inneren Spannung und beobachteten die eigene Leistung ängstlicher und selbstkritischer als ihre einsprachigen Mitschüler. Ihr höherer Ehrgeiz schien zu einem guten Teil Kompensation zu sein.

Der Versuch einer klaren Linie durch die Vielfalt dieser Meinungen und Warnungen kann mit den Ergebnissen des „Heidelberger Spiel-Englisch-Experiments“ gezogen werden, das unter der Leitung von Professor Dr. Heinrich Kratzmeier stattfand.

In dem Versuch wurden zwei Gruppen von je zwölf Kindern aller sozialen Schichten zwei Jahre lang mehrere Stunden am Tag nach dem Prinzip „Kein deutsches Wort“ im Englischen „gebadet“, wie Kratzmeier sagt. Die Leiterin der einen Gruppe war eine deutsche Dolmetscherin, die der anderen eine amerikanische Lehrerin, de selbst fast kein Wort Deutsch sprach.

Den Kindern bot man Spielzeug mit kurzen englischen Sätzen und anfangs demonstrativer Gestik an („Look, this is a red ball“) und unterstützte einfache Aufforderungen („come here!“) mimisch. Das Ergebnis: Anfangs reagierten die Kinder keineswegs verwirrt, sondern mitleidig überlegen. „Da is ’ne Tante, die kann nicht richtig sprechen“, berichteten sie zu Hause. Schon nach drei bis vier Wochen waren sie imstande, einfachen Aufforderungen nachzukommen, wenngleich mit Bemerkungen zu den Eltern wie: „Verstanden hab’ ich nix, aber ich hab’ alles gemacht, was sie wollte...“ Das dauerte etwa ein halbes Jahr, so lange, wie auch ein Kind beim Sprechenlernen braucht, um vom Sprachverständnis zum Sprachgebrauch zu kommen.