Das Bildungssystem“, heißt es in den Empfehlungen der Bildungskommission, „muß in seiner Struktur und seinen Inhalten den vielfältigen und sehr unterschiedlichen Interessen und Fähigkeiten der Lernenden Rechnung tragen.“ Das bedeutet: Schulangebote, die in dieser Mannigfaltigkeit auch gesellschaftliche Anforderungen berücksichtigen; dies scheint mit einer Differenzierung des Bildungswesens am ehesten möglich.

Weil am leichtesten zu verwirklichen, bot sich die sogenannte äußere Differenzierung an. Sie sieht die Einteilung der Schüler eines Jahrgangs nach allgemeiner und an Zensuren gemessener Intelligenz oder ihrer Leistungsfähigkeit in den verschiedenen Fächern vor. Diese Gruppierung ist in den Beobachtungsstufen und Orientierungsstufen der Gymnasien und Gesamtschulen üblich geworden, wenn auch pädagogisch immer noch umstritten. So empfiehlt das Hamburger Amt für Schule, „die äußere Differenzierung behutsam einzusetzen“. Zu diesen Versuchen in den Beobachtungsstufen (Klasse 5 und 6), die vor allem im Sinne der Chancengleichheit auf eine Förderung der sozial benachteiligten Schüler zielte, haben sich seit 1970 in fünf Hamburger Gymnasien Mittelstufen-Versuche gesellt. Ihr Ziel: „Aufschlüsse zu gewinnen, ob bestimmte Maßnahmen geeignet sind, den Erfolg des Unterrichts in den Klassen 7 bis 11 zu steigern“.

Der Grund für diese Versuche: Seitdem die Aufnahmeprüfung weggefallen ist, hat die Zahl der Schüler und Schülerinnen an den Gymnasien erheblich zugenommen. Damit stieg indes auch automatisch die Zahl der Schüler mit erschwerten Lernvoraussetzungen. So stellt sich die Frage: Wie wird man allen gerecht?

Hamburg hatte sich unter anderem zu einem Experiment entschlossen, das abermals auf der Idee der äußeren Differenzierung beruht: Je nach Schulbeschluß wurden Schüler der 6. Klasse, die insgesamt keine schlechtere Zeugnisnote als eine Drei oder nach einem verschlüsselten Zeugnisdurchschnitt nicht mehr als 2,5 Punkte hatten, zu einer Klasse zusammengefaßt, die entweder Intensiv- oder Versuchsklasse (von den Schülern „Schnellzug“ oder „Vorzugsklasse“) genannt wurde und die die Mittelstufe des Gymnasiums in drei, statt in vier Jahren durchläuft.

Die Reaktion der meisten Eltern und Erziehungsberechtigten, denen im zweiten Halbjahr der Klasse 6 vorgeschlagen wurde, ihre Kinder in die Schnellklassen zu geben, offenbarte Stolz und Freude. Da Schule heutzutage auch für Eltern mit mehr Mitarbeit, Ärger und Verpflichtung verbunden ist, sind die meisten froh, die Sache ein Jahr früher hinter sich zu haben.

Aber es kamen auch Einwände bei den Elternversammlungen auf: Soll man die Begabten wirklich isolieren? Fehlt dann den anderen nicht der Ansporn und die Anregung? Und vor allem: Besitzen nicht gerade die Intelligenten, die Führer der Klasse, die Verpflichtung, den Schwächeren zu helfen?

Überwiegend Zustimmung jedoch fand der Versuch auch bei den Eltern, deren Kinder nicht für die Schnellklassen vorgeschlagen worden waren. Häufiges Argument: „Wir tun so viel für die schwächer Begabten, da sind wir auch den höher Begabten Förderung schuldig!“