Von Klaus Bölling

Washington

Was sich zunächst eher als ein Spektakulum ansah, den Kameras der geschwinde nach „Wounded Knee“ anreisenden New Yorker TV-Gesellschaften zugeeignet, hat inzwischen so viel Bitterkeit bei den Indianern und genug Emotion auf der Seite der Ordnungsmacht erzeugt, daß ein indianisches Attika zwar unwahrscheinlich, aber mit Gewißheit nicht mehr auszuschließen ist. Schon gab es zwischen den das Dörfchen „Wounded Knee“ belagernden Rebellen der AIM (American Indian Movement) und der Polizei Schießereien. Die Folge waren kleinere Blessuren auf beiden Seiten, Verhärtung bei den Sprechern der Rebellen und schwindende Geneigtheit der Regierungsfunktionäre, den Forderungen der indianischen Revolutionäre auf Selbstbestimmung wesentlich entgegenzukommen.

Da der „Große Vater“ in Washington nichts dringlicher wünscht als Ruhe im Lande; wäre ein „Show Down“ nach Western-Art, ein Gemetzel als Konsequenz schwacher Nerven der Amtsautorität wie beim Aufstand im überfüllten Staatsgefängnis von Attika keine glückliche Illustration zu Richard Nixons feierlicher Botschaft auf den Stufen des Kapitols am 20. Januar, als er die Amerikaner mahnte, daß sie sich im Geiste gegenseitigen Respekts begegnen sollten. Sein Ruf nach Wiedereinführung der Todesstrafe für gewisse Kapitalverbrechen lassen manchen allerdings daran zweifeln, ob der Gedanke der nationalen Versöhnung auch seine politischen Taten inspirieren wird. Eine gewaltsame Disziplinierung der AIM-Gefolgschaft, bei der es kaum ohne Tote abginge, müßte unvermeidlich die Erinnerung an die Geschehnisse von „Wounded Knee“ am 29. Dezember 1890 heraufbeschwören. Mögen vaterländisch gestimmte amerikanische Historiker auch von einer „Schlacht“ sprechen, so wird die geschichtliche Wahrheit doch eher von denen beschrieben, die vom letzten großen Schlachtfest unter den Indianern sprechen. Denn der Kommandeur des 7. Kavallerie-Regiments, jener Einheit, die früher von dem auf die Indianer als Untermenschen herabsehenden General Custer geführt worden war, konnte für das Niedermetzeln von mehr als dreihundert Sioux, Männern, Frauen und Kindern, keine militärische Rechtfertigung vorweisen. Die meisten Indianer hatten ihre Gewehre bereits freiwillig abgeliefert, als sich bei der gewaltsamen Entwaffnung eines angeblich taubstummen roten Kriegers versehentlich ein Schuß löste und den Offizieren als Signal für ein blindwütiges Feuergefecht diente.

Seither gilt den militanten Indianern das Massaker von „Wounded Knee“ als Symbol eines Genozid-Verbrechens, das sie mit Katyn, Buchenwald oder auch mit My Lai vergleichen. Jahrzehntelang waren die Indianer eine schweigende Minderheit, die sich widerspruchslos von den Beamten des dem Innenministerium angegliederten Büros für Indianische Angelegenheiten manipulieren ließen, die mit kümmerlichen Zuwendungen aus der Staatskasse ohne Murren vorliebnahmen und in einem tranceähnlichen Zustand zu verdämmern schienen. Sie figurierten im Kriegsputz nur noch in der Fremdenverkehrswerbung und ließen sich für billigste Gagen von Hollywood-Produzenten als Statisten heuern, die von heroischen Weißgesichtern massenweise von den Pferden geschossen wurden.

Selten nur hatten die Regierungsbürokraten mit ihrer paternalistischen Politik Schwierigkeiten. Streitigkeiten resultierten dann und wann eher aus Rivalitäten zwischen den verschiedenen Stämmen, von denen sich die Navajos bis heute als der edelste begreifen und eine Solidarisierung mit anderen Rassegenossen verweigerten. Den Funktionären des Büros für Indianische Angelegenheiten waren solche Zwistigkeiten willkommen. Sie stützten in aller Regel jene Häuptlinge, die auf den Reservationen die überlieferten sozialen Strukturen verteidigten, weil sie ihre eigenen Privilegien und die Almosen der Regierung nicht zu verlieren wünschten. Sie revanchierten sich für gelegentliche Dollarspenden, die sie fast stets für persönliche Zwecke einbehielten, durch willige Kollaboration. Jüngere Stammesmitglieder, die am Status quo zu rütteln suchten, wurden, diszipliniert oder, wenn sie nicht Ruhe gaben, von der Reservation verwiesen.

Erst die kämpferische Frontstellung der schwarzen Amerikaner gegen die weiße Gesellschaft, die Formierung junger Neger zur „Black-Power“-Bewegung beflügelte eine kleine Gruppe von Indianern zu politischer Aktivität. Die meisten kamen aus den Gettos der großen Städte, wo sie, abgeschnitten von ihren Stämmen, durch eine „Red-Power“-Bewegung eine ethnische und kulturelle Identität zurückzugewinnen hofften. Das liberale Amerika, das sich bis dahin nur für die Bürgerrechte der Schwarzen verwendet hatte, zeigte sogleich viel Sympathie für die Rebellen, die 1969 mit der Besetzung der Zuchthausinsel Alcatraz das erste Mal die Aufmerksamkeit des ganzen Landes gewannen. Über Nacht entdeckte die Öffentlichkeit die miserable soziale Verfassung der Ureinwohner Amerikas. Denn daß es den knapp fünfhunderttausend Indianern noch ein Stück schlechter geht als den ärmsten unter den schwarzen Bürgern der USA, ist von den meisten Amerikanern entweder gar nicht wahrgenommen oder schlicht verdrängt worden.