Adolf Hitler, käme er heute, vierundachtzigjährig, nach München, dürfte eines gewiß nicht: nämlich im Cuvillies-Theater aus seinem Erfolgsbuch „Mein Kampf“ vorlesen. Das Finanzministerium Bayerns, dem auch die Verwaltung der bayerischen Schlösser untersteht, ist da durchaus nachtragend. Wie es durch den Mund des Präsidenten der bayerischen Schlösserverwaltung, den Freiherrn von Gumppenberg verlauten ließ: „Im übrigen bin ich auch der Meinung, daß in der Residenz Hitlers ‚Mein Kampf‘ nicht am Platze ist. Die Residenz wurde zu 95 Prozent im Krieg zerstört, ich finde es wenig passend, hier das grauenhafte Deutsch von ‚Mein Kampf‘ anzuhören. München hat genug unter Hitler erlebt.“ Und der zuständige Minister, Ludwig Huber, weiß zu unterscheiden, wen er als Gast in Münchens Residenz sehen will, wen nicht: Qualtinger ist uns willkommen, aber nicht mit Hitler.“

Natürlich wollte Hitler gar nicht kommen (er war, wie wir wissen, verhindert), statt dessen Helmut Qualtinger allein, der im Cuvillies-Theater aus „Mein Kampf“ lesen wollte, wie er es schon unbeanstandet in anderen Städten getan hatte.

Weil man außerhalb Münchens und vor allem außerhalb der bayerischen Finanz- und Schlösserverwaltung vielleicht einen Schritt weiter und auch daran dachte, daß Qualtinger mit Hitlers grauenhaftem Deutsch die Leute daran erinnern wollte, daß in „Mein Kampf“ schon zu 95 Prozent in Worten vorweggenommen sei, was sich dann in 95 Prozent Zerstörung nicht nur des Cuvilliés-Theaters ausgedrückt hat.

Wenn Karl Kraus (den Qualtinger übrigens wahrscheinlich unbeschadet selbst in München hätte lesen können) meinte, daß Satiren, die der Zensor versteht, mit Recht verboten würden, gilt für Münchens Finanzministerium, daß es Satiren verbietet, die es nicht versteht. Daß es wacker in den Köpfen der zuständigen Leute rumort haben muß, kann man sich jedenfalls leicht vorstellen: Entweder dachten sie, daß Qualtinger mit der Lesung aus „Mein Kampf“ so etwas wie einen neuen Marsch zur nahe gelegenen Feldherrnhalle im Sinne hatte. Qualtinger als Neonazi – eine verwegene Ministeriumsidee. Oder aber man dachte, daß zwar Qualtinger den Text entlarven würde, daß aber die braven Münchner Zuhörer (in München hat ja alles schon einmal angefangen) Hitler für bare Münze nehmen würden, um mit „Sieg-Heil“-Gebrüll inmitten bayerischen Rokokos die CSU von rechts zu überholen.

Sollte das Finanzministerium aber beides nicht gedacht haben, dann bliebe nur eine plausible dritte Erklärung: Man wußte, daß Qualtinger Anti-Nazi ist, man wußte auch, daß Leute, die zu einer „Mein-Kampf“-Lesung ins Cuvilliés-Theater gekommen wären, mit verstörtem Gelächter und ungläubigem Entsetzen (wie auch anderenorts) auf den wirren monomanischen Text reagiert hätten, und wollte also den Autor postum vor dieser Unbill schützen.

Nehmen wir zugunsten des Ministeriums an, daß da – wie bei Behörden seit eh und je möglich – überhaupt nichts gedacht wurde, sondern daß man sich entschloß, erst mal zu handeln. Qualtinger kann ja inzwischen auch in München lesen, weil die Kammerspiele nicht unter die bayerischen Schlösser und daher auch nicht unter die Zuständigkeit des Finanzministeriums fallen.

Und sollte je ein neuer Hitler auf die Idee kommen, in München reden oder lesen zu wollen, dann empfehlen wir ihm beispielsweise den Bürgerbräukeller. Er muß da zwar auf Rokoko verzichten, kann aber dafür damit rechnen, daß manche bayerischen Behörden alles tun, damit die Leute für sein Deutsch nicht schon vorher allzu hellhörig geworden sind. Auch Schilda wurde nicht an einem Tag wiederaufgebaut.

Hellmuth Karasek