Ist das Verhältnis des Kreml zur Wahrheit – oder nur zur Prawda gestört? Das fragen sich Italiens Kommunisten, deren Parteichef Berlinguer sich letzte Woche in Moskau einen zweieinhalbstündigen, improvisierten Monolog Breschnjews anhörte, ohne einen Einwand gegen die eigenwillige KPI-Linie zu vernehmen. Zwar hatte man ideologische Themen ausgeklammert, doch im gemeinsamen Kommuniqué stimmte der Kreml dem Prinzip der Autonomie jeder Partei zu, ja sogar dem „eigenen Weg“ eines jeden Landes zum Sozialismus. Das Verbindende schrumpfte in der italienischen, von den Russen gebilligten Fassung auf gemeinsame „Züge“ zusammen.

Nach Tische freilich las man’s anders. Aus den gemeinsamen Zügen fabrizierte die Prawda für den Hausgebrauch flugs „Gesetzmäßigkeiten“. Nicht genug des ideologischen Hokuspokus – die Hauspostille Breschnjews unterstellte dem KPI-Chef auch noch Zustimmung zu jenen Grundsatzdokumenten der Moskauer Kommunistenkonferenz von 1969, denen Berlinguer damals die Unterschrift verweigert hatte.

Der Sowjet-Kommentar spiegelt weder den Geist noch den Buchstaben des Kommuniqués... Unsere Position ist unverändert... auch bezüglich der ČSSR, empörte sich Berlinguer am Sonntag in einem Unita-Interview. Und wieder zeigte ihm die Moskauer Parteizeitung eine lange Nase: Sie druckte das Interview nach – ohne die Prawda-Schelte. Jetzt endlich dämmerte es in Rom: Die KPI, so erklärte die Parteizentrale, sei „eine große nationale italienische Partei, die zu niemandem zu laufen braucht, um ihre Autonomie zu verlangen“.

In Moskau wird man das verwinden können. Denn der ideologische Kirchhofsfriede im eigenen Imperium ist den Kremlherren so teuer, daß sie den Segen für westeuropäische Genossen zu kleinen Preisen handeln. Hj. St.