Zur Lage der tschechoslowakischen Wissenschaftler

Dieser Artikel, in der ČSSR geschrieben, muß anonym erscheinen Im letzten Viertel Jahrhundert haben sich die tschechoslowakische Wissenschaft und das Hochschulwesen sehr entwickelt. Es entstand eine neue moderne Intelligenz – mit hohem professionellen Niveau, gut informiert und politisch engagiert für eine moderne sozialistische Gesellschaft. Es war also nur natürlich, daß sich die tschechoslowakische Intelligenz aktiv an der gesellschaftlichen Bewegung im Jahre 1968 beteiligte, die sie durch ihre Tätigkeit schon Jahre davor vorbereitet hatte.

Heute muß sie das teuer bezahlen. Die tschechoslowakische Wissenschaft wird zum Opfer der Rache. Einer durchdachten, langfristigen Rache, die die aktivsten Wissenschaftler vernichten und andere warnen, soll; sie sollen sich nie mehr erlauben, ihre Nase in die Politik, in das öffentliche Leben zu stecken. Das sollte den professionellen Apparatschiki, zweitrangigen Wissenschaftlern, die höchstens die Rolle der gehorsamen Statisten spielen können, vorbehalten bleiben.

Zuerst wurden in der Gesetzgebung kleine Veränderungen vorgenommen, die das wissenschaftliche Leben seiner früheren Demokratie und Autonomie beraubten. Die demokratisch gewählten Organe wurden abberufen, und durch gehorsamere ersetzt. Die Mitglieder der Akademie der Wissenschaften wurden nicht mehr gewählt, sondern ernannt. Kein Wunder, daß die ersten Neuernannten hauptsächlich durch ihren politischen Gehorsam und ihre Konformität bekannt geworden sind. Das Prager Radio Eriwan hat darauf prompt mit zwei Witzen reagiert: Kann ein Paralytiker zum Mitglied der Akademie der Wissenschaften werden? Im Prinzip ja, aber nur, wenn es ein progressiver Paralytiker ist. Kann ein Analphabet Mitglied der Akademie der Wissenschaften werden? Im Prinzip ja, aber kein korrespondierendes Mitglied.

Promotion mit Plagiaten

Auf den Hochschulen und in der Akademie wurde eine Anzahl von Partei- und Gewerkschaftsorganisationen aufgelöst, die fähig gewesen wären, sich der fortschreitenden „Normalisierung“ zu widersetzen und die verfolgten Wissenschaftler zu verteidigen.

Mehrere politologische und gesellschaftswissenschaftliche Institute wurden aufgelöst, und durch neue ersetzt. Allen ihren Mitarbeitern wurde, den Reorganisations-Paragraphen gemäß, gekündigt; ein Angebot für eine neue Einstellung haben nur diejenigen bekommen, die Selbstkritik übten oder sich früher nicht engagiert hatten. So wurden das Historische, Philosophische, Soziologische Institut, das Institut für Meinungsforschung und mehrere andere liquidiert. Die meisten ihrer Mitarbeiter bekleiden jetzt ganz untergeordnete Posten oder verrichten unqualifizierte Arbeit. Im September 1969 wurden alle Lehrstühle für Marxismus-Leninismus liquidiert und Unterricht in dieser Disziplin verboten. Für die internationale sozialistische Bewegung ist das sicher ein Meilenstein: Die herrschende Klasse hat vor der eigenen Ideologie Angst bekommen.