Lauenburg

Ein Hirte von rund 2500 Seelen ist zum schwarzen Schaf geworden. Den Mitgliedern des Kirchspiels Breitenfelde im schleswigholsteinischen Lauenburg ist es jedenfalls bitterer Ernst, wenn sie fordern, daß der Gemeindepastor Martin Kurowski woanders sein Heil suchen soll. Seit Jahren schon schwelt ein Kampf zwischen dem Seelsorger und seiner Gemeinde. Jetzt, so Bürgermeister Erwin Pechel, ist der Kelch übergelaufen. Nur noch wenige Gläubige folgen dem sonntäglichen Geläut, um sich von Pastor Kurowski läutern zu lassen.

Außer den Konfirmanden und dem Kirchenvorstand, dessen Erster Vorsitzender Kurowski ist, werden es immer weniger, die dem Geistlichen freiwillig lauschen. Die Empörung erreichte ihren Höhepunkt, als der Prediger am Bußtag des vergangenen Jahres, drei Tage nach der Bundestagswahl, recht deutlich die Wähler der sozial-liberalen Koalition von oben herab abkanzelte und zur Buße aufrief. Zitat: „So mancher hierzulande ist erschrocken über den so eindeutigen Ausgang der Wahl vom vergangenen Sonntag. Vergessen wir bitte nicht, daß ein verhängnisvoller Trend, der in unserer Politik schon mehr als zehn Jahre deutlich zu spüren war, nämlich das wirklich Große ohne Einsatz und Opfer erreichen zu wollen, nunmehr nur seine Fortsetzung finde... Der Ruf zur Buße geht aber nicht so sehr aus dem Fenster hinaus, sondern meint zunächst uns selber, uns als die Gemeinde Jesu Christi.“

Ungläubig schüttelten die Gläubigen die Köpfe. Doch Kurowski, dem nach eigenen Worten „als Prophet das Wächteramt aufgegeben ist“, las wenig später in einem Brief den örtlichen Sozialdemokraten die Leviten. Dabei bezeichnete er den Kommunismus als eine gottlose Heilslehre und jeden, „der sich mit diesem Reich vertraglich zu vergleichen sucht“, als „teilhaftig der Lüge“. Das gelte im übrigen auch für die CDU. Den Wählern bescheinigte er, ruhigen Gewissens in ihr Verderben zu laufen.

Das war den Sozialdemokraten zuviel. Sie forderten Kurowski auf, öffentlich Abbitte zu leisten, und ersuchten den Landessuperintendenten um die Versetzung des Pastors, der „für die Gemeinde nicht mehr tragbar“ sei. Durch ein gemeinsames Gespräch, in dem der Anwalt Gottes seine Klage gegen jene, die ihr Kreuzchen an der „falschen Stelle“ gemacht hatten, als mißverständlich zurückzog, wurde die Sache bereinigt.

Doch andere Vorfälle konnten nicht so schnell aus der Welt geschafft werden. In und um Breitenfelde erinnert man sich gut an eine Nachtund-Nebel-Aktion, für die Kurowski verantwortlich zeichnete. Er hatte sich geweigert, einen Zeugen Jehovas in dessen Familiengrab beizusetzen. Die Grabstelle befand sich direkt am Friedhofseingang, und das, so erklärte ein Mitglied des Kirchenvorstandes, hätte wohl einen sehr schlechten Eindruck gemacht.

So fand denn der Verstorbene auf Weisung des Seelsorgers an einer anderen Stelle des Friedhofes seine letzte Ruhe. Jedoch nur vorläufig. Denn die Familie bestand auf ihrem Recht, und schließlich mußte der Pastor im Schutze der Dunkelheit und mit Hilfe seiner Totengräber die Uberreste des Zeugen Jehovas umbetten.