Von Igor Golomstock

In den Jahren zwischen 1960 und 1965 stießen zwei geheimnisvolle Pseudonyme, Abram Terz und Nikolaj Arshak, in den literarischen Kreisen des Westens und beim sowjetischen Geheimdienst KGB auf wachsendes Interesse. Es handele sich, so wurde behauptet, um zwei unbekannte Schriftsteller, die in der Sowjetunion lebten und ihre Arbeiten – Kurzgeschichten, Romane, Essays – im Westen veröffentlichten. Die Jahre vergingen, Terz und Arshak wurden nicht identifiziert; Kenner der Sowjetunion begannen an der Echtheit der zwei Untergrundschriftsteller zu zweifeln. Die literarische Qualität ihrer Arbeiten hingegen wurde von niemandem in Frage gestellt.

Im September 1965 dann wurde das Rätsel gelöst. Der Geheimdienst KGB verhaftete den avantgardistischen Moskauer Literaturkritiker Andrej Sinjawskij und den etwas weniger berühmten Julij Danielj, der sich vor allem als Übersetzer von Gedichten einen Namen gemacht hatte. Man stellte sie vor Gericht und beschuldigte sie, ihre Werke ins Ausland geschmuggelt und dort veröffentlicht zu haben. Ihre Weigerung, dies als Vergehen gegen das sowjetische Gesetz anzuerkennen, erschütterte die Überzeugung der Russen, daß der einzelne den Behörden gegenüber ohnmächtig sei.

Nach dem Prozeß (im Februar 1966) schrieb ein führender russischer Schriftsteller (der anonym bleiben muß) in einem offenen Brief: „Sinjawskij und Danielj haben nach beinahe fünfzig Jahren Schweigen als erste den Kampf aufgenommen. Ihr Beispiel ist eindrücklich, ihr Heroismus unbestreitbar. Sie haben mit der widerwärtigen Tradition der ‚Reue‘ und der ,Geständnisse’ gebrochen.“ Sinjawskij wurde zu sieben, Danielj zu fünf Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Diese Urteile gegen zwei Männer, die keine Schuld eingestanden hatten und gegen die keine Beweise vorgebracht worden waren, führten zu einer beispiellosen Kampagne der russischen Intellektuellen, der ersten öffentlichen Protestbewegung seit dem Ende der zwanziger Jahre, und brachten die ganze gegenwärtige Menschenrechtsbewegung in der Sowjetunion in Gang.

Die weltweite Berühmtheit von Sinjawskij und Danielj erreichte ihren Höhepunkt, als ein inoffizieller Bericht über ihren Prozeß veröffentlicht wurde.

Zu den Männern, die bei der Ausarbeitung dieses Berichts halfen, gehörte auch der Kunsthistoriker Igor Golomstock. Er verließ im November 1972 die Sowjetunion und lebt heute in London. Mit Sinjawskij zusammen verfaßte er die erste umfangreiche sowjetische Studie über Picasso. Im Verlaufe des Prozesses gegen Sinjawskij und Danielj mußte er vor Gericht erscheinen. Drei Monate später wurde er zu sechs Monaten Zwangsarbeit verurteilt, weil er sich geweigert hätte, gegen seine beiden Freunde auszusagen.

Ende Februar 1966 wurden Andrej Sinjawskij und Julij Danielj mit der Bahn – in scharf bewachten. Spezialzügen mit käfigartigen Zellen – von einem Gefängnis in der Hauptstadt an. ihre neuen Aufenthaltsorte gebracht, in zwei strenge „Arbeits-Besserungslager“. Sie lagen in den mordwinischen Wäldern, einer reichlich 500 Kilometer von Moskau entfernten einsamen, sumpfigen Region, in der es nicht einmal Straßen gab; die Lager – etwa ein Dutzend – waren nur durch die Bahngleise miteinander verbunden.