Von Adolf Metzner

Ein Dörfchen in Kolumbien, nicht weit vom Quellgebiet des Magdalenenstromes entfernt, trägt den Namen des heiligen Augustinus, den ihm die Spanier im frühen siebzehnten Jahrhundert bei der Gründung gaben. Aber nicht diese ärmliche Ansiedlung, sondern die in seiner Nähe gelegene ausgedehnte „Zona arqueologica“ hat San Agustin berühmt gemacht. Hunderte von Steinfiguren und Gräbern zeugen dort von einer Kultur, die noch immer von Geheimnissen umgeben ist, wenn auch die Wissenschaft inzwischen einige der Rätsel lösen konnte.

Als der deutsche belehrte Konrad Theodor Preuß, kurz vor Ausbruch des ersten Weltkrieges, seine strapazenreiche Expedition nach San Agustin unternahm, brauchte er noch viele Wochen. Heute kann der Tourist von Bogota aus in einem einstündigen Flug den Ort Neiva erreichen, und von dort sind es noch vier bis fünf Stunden Autofahrt. In San Agustin gibt es ein staatliches Hotel, das aber eher ein Rasthaus ist. Überhöhte Ansprüche an Komfort dürfen dort natürlich nicht gestellt werden, Einzelzimmer sind rar.

Bei einem ersten flüchtigen Rundgang, mit dem sich manche Touristen begnügen, wird man nur die Unzahl der Fratzen, die oft wie Vampire die Hauer fletschen, und die vielen Monstren gewahr, die, halb Mensch, halb Katze, drohend glotzen.

Wer sich aber etwas mehr Zeit läßt, wird bald feststellen, daß doch fast jede Steinskulptur von der anderen verschieden ist. Man begreift allmählich die individuelle Vielfalt der dort in Stein gebannten Figuren. Es fasziniert, daß hier der Augenblick erfaßt zu sein scheint, wo eine Kultur sich anschickt, nach dem bloßen Stammeln die ersten Worte zu artikulieren. Daß dieser „Augenblick“ jahrhundertelang währte, steht freilich auf einem anderen Blatt.

Ohne die Hilfe der Archäologen stapft der Reisende in dem weiten hügeligen Gelände auf und ab und kommt sich ziemlich verloren vor. Am ehesten wird sich noch die Vorstellung verdichten in einem riesigen Gräberfeld, in einer gewaltigen Nekropole, in einer Zone des Todes zu weilen. Nur die oft hinreißende Landschaftsszenerie und die üppige tropische Vegetation, wo im „dunklen Laub“ geheimnisvoll die Orchideen blühen, läßt auch den wenig Eingeweihten den Zauber spüren, den dieser Ort ausstrahlt.

Tatsächlich sagen uns Ethnologen und Archäologen, daß hier über lange Zeit Völker gelebt haben, deren Zeugen ihrer längst versunkenen Kultur wir vor uns haben. Folgen wir also der Führung der Wissenschaft des Spatens, die mit viel Spürsinn etwas Licht in das Dunkel zu bringen vermochte.