Die Stadt ist eine halbe Stunde lang, aber im Innern liegen viele große Gärten. Die Straßen sind zum Theil regelmäßig und breit, und man sieht manches schöne Gebäude.“ 1820 hat das einer notiert, es stimmt heute noch. Freilich muß man ergänzen, daß diese Stadt zu den spannendsten Städten gehört, die ich erlebt habe. Was anderswo oft zu grämlicher Pflichtübung herunterkommt, ist hier beinahe ein Spaß. Wieso? Vielleicht durch die Beiläufigkeit, auch die Selbstverständlichkeit, mit der Historie sich hier als Baugeschichte mitteilt, erkennbar, meßbar, begehbar, greifbar – begreifbar. Wer dazu einen so polyglotten und rundum gebildeten Führer an der Seite hat wie ich – es war Herr Bernhard von der Tourist-Information Trier –, kann sich gegen die Faszination gar nicht wehren.

Tatsächlich ist so ein Cicerone manchmal notwendig, weil man gern das Nächstliegende nicht sieht – vor allem aber, weil man viel mehr sehen lernt, als man sieht, nicht selten wortwörtlich „hinter den Fassaden“.

Ich will nicht Bauwerke aufzählen, die ich für besonders wichtig hielte, man sieht sie sowieso, dieses wahrhaft imponierende „schwarze Tor“, den Dom, um dessen richtige Renovierung sich die Fachleute sehr verbittert und mit guten Gründen raufen, die ungemein harmonisch gegliederte Liebfrauenkirche Wand an Wand nebenan, die seltsam gewaltige Palast-Aula, und dann vor allem die römischen Thermen und das römische Freilichttheater, bei dem man sich wundert, daß es nur vorgeführt, aber kein Theater, kein Zirkus darin vorgeführt wird. Aber ich nenne ausdrücklich das Städtische, vor allem das Landesmuseum: die Augen können einem übergehen.

Karl Marx ist hier geboren worden, man kann sein Geburts- und sein Wohnhaus betrachten, auch sein Gymnasium, das sich eines eigenen und viel gerühmten Weinkellers rühmen kann. Überhaupt der Wein: Es gibt einen Weinlehrpfad, man kann Wein-„Seminarist“ werden und an Kursen teilnehmen, man kann Weinfahrten machen zu Mosel, Saar, Ruwer, und die Krönung ist dann immer die Weinprobe, eins dieser Lehrvergnügen, aus denen man so klug als wie zuvor hervorgeht. Ich habe sieben Meter unter der Erde im Weinkeller der Staatlichen Domäne aus sechzehn lediglich numerierten Flaschen probiert – und fand alle prima. Ich hoffe, sie hatten wirklich alle, was der Direktor Sambale „Säure und Nerv“ nannte. Nur habe ich nicht, was Weinkenner haben: eine Zunge mit Gedächtnis.

Zweierlei habe ich mir noch notiert: erstens, daß in Trierer Kellern dreißig Millionen Liter Wein lagern, zweitens, daß die Leute aus Bordeaux einen Spruch dazu geliefert haben, welcher lautet: „Die Keller sind Klöster, in denen die Weine träumen von den Freuden, die sie den Menschen bereiten werden.“ Trier ist ganz gewiß zwei Wochen Ferien wert. Das merkt man sogar an der hervorragenden Kollektion von Papieren, die man kriegt: Kein Prospekt, den man auf Anhieb glaubt, entbehren zu können, darunter Nachrichten aus der Römerzeit und eine Weinlagenkarte von heute.