Die Assoziation ist inzwischen eingeschliffen: Spricht man in bundesdeutschen Landen von Eisschnellauf, von Keller und Pflug, denkt man an Inzell. Der 3000-Seelen zählende Ort am Rande der Alpen ist gleichsam ein Eldorado für die weitbesten Flitzer auf den schnellen Kufen – besser gesagt: Er war es. Denn seit die International Skating Union (ISU), der Dachverband der nationalen Eisschnellauf-Organisationen, Ende letzten Jahres sein umstrittenes Postulat zur Rettung der hehren Amateurwelt und attraktiven Veranstaltungen der finanzkräftigen amerikanischen Profi-Truppe ISSL angeht, jetzt draußen vor der Tür.

Rekapitulieren wir: Mitte letzten Jahres erregte jene amerikanische Sport-Companie mit dem Vorhaben Aufsehen, die weitbesten Eisschnelläufer zu außergewöhnlich guten Bedingungen unter Vertrag nehmen zu wollen, um mit ihnen – ähnlich dem Tennis-Zirkus des Lamar Hunt – in Europa und Übersee durch spektakuläre Wettbewerbe die Massen zu mobilisieren. Schenk, Keller, Börrjes, Linkovesi, Bols, Verkeerk, Verheyen, Blatchford – praktisch die gesamte internationale Elite konnte dem Lockruf des Geldes nicht widerstehen und verpflichtete sich. Das Amateurlager war damit ausgeblutet; die Manager setzten auf die Sensationsgier der Massen, denen nun ständig die Asse im Kampf Mann gegen Mann präsentiert werden können.

Als nicht mehr abzuwenden, was zunächst lediglich als unrealistische Phantasterei erschienen war, holte die ISU zum Präventivschlag aus: Sie werde, ließ, ihr Sekretariat verlauten, all jene Orte in Zukunft von der Vergabe international wichtiger Wettbewerbe ausschließen, in denen die Profis Startrecht erhielten. In Holland, das über eine Vielzahl schneller Bahnen verfügt, scherte man sich nicht um solche Drohungen, in Oslo ebensowenig. Inzell freilich ist zunächst einmal auf den „höheren Befehl“ eingegangen. Ludwig Schwabl, SPD-Landtagsabgeordneter, Bürgermeister des Orts und bis zum letzten Jahr auch Präsident der Deutschen Eisschnellauf-Gemeinschaft (DESG), argumentiert nüchtern: „Wir müssen Rücksicht auf die Amateure nehmen, denn andernfalls würden wir ihnen möglicherweise die Basis entziehen.“

Der tatkräftige Dorf-Obere, dessen persönlicher Initiative Inzell einen großen Teil seiner sportlichen Popularität verdankt, fühlt sich indes nicht dabei wohl, die ISU bei ihrer Hexenjagd auch noch unterstützen zu müssen. Zu eng sind seine persönlichen Bindungen an die meisten jener, deren Namen auf den ISU-Index gesetzt wurden; zu gewichtig erscheinen ihm ihre Verdienste für das kleine Dorf, als daß er ihnen „so einfach“ die Freundschaft aufkündigen könnte. Zudem empfindet er das Vorgehen des internationalen Verbandes als zu selbstherrlich, weil dieser offenbar völlig verkenne, „daß auch von den Profis eine gewaltige Schubkraft für den Sport schlechthin ausgeht“.

„Plötzlich sollen die Leute, die jahrelang unsere Freunde waren, unsere Feinde sein“, stellt er mit resignierendem Unterton in der Stimme fest. Schwabl fordert dagegen, dieses; Problem nicht so sehr in gefühlsbetonten Dimensionen zu erörtern. Er verlangt mehr Realismus von den Funktionären und weist auf andere, Sportarten wie Fußball und Boxen hin, in denen es durchaus ein vernünftiges und tolerantes Nebeneinander von Profis und Amateuren gebe. Freilich: Der ISU die kalte Schulter zeigen, das mag Ludwig Schwabl nun auch wieder nicht. Sein Rat für den Augenblick: „Wir müssen den Konflikt begrenzt halten; mehr ist im Moment nicht zu machen.“

Der über 1000 Jahre alte Ort, 959 erstmals urkundlich erwähnt, war eigentlich erst durch die Eisschnellauf-Hausse aus seinem Dornröschenschlaf geweckt worden. Die breite Öffentlichkeit hatte erst 1968 nach dem Goldmedaillengewinn Erhard Kellers in Grenoble von ihm Notiz genommen. Dabei hatte man bereits neun Jahre zuvor auf dem Frillensee die erste deutsche 400-Meter-Bahn erstellt, vier Jahre darauf das Natureis-Stadion gebaut, das 1965 eine Kunsteisbahn und 1968 eine prächtige Tribüne erhielt. Dennoch rückten Inzell und der Eisschnellauf-Sport erst nach Kellers Olympiasieg endgültig aus dem Schattendasein heraus. Viele wichtige Veranstaltungen und mancher Weltrekord brachten in der Folgezeit die schnelle Bahn und damit auch den Namen des Dorfes in die Schlagzeilen. Inzell war plötzlich „in“; der Sport hatte es groß gemacht.

Das schlug sich zwangsläufig auch auf anderen Gebieten nieder. War der kleine Flecken lange Zeit als Wintersportort nur wenig gefragt (2000 Übernachtungen im Jahr 1959), so setzte auf einmal eine enorme Aufwärtsentwicklung ein. Im Winter 1971/72 verzeichnete man 150 000 Übernachtungen – also das 75fache. Entscheidend für diesen Trend ist nach Meinung Schwabls, daß der Gemeinderat seinerzeit den finanziellen Kraftakt mit der Errichtung der Bahnen gewagt und damit die Basis für eine gewaltige Publicity-Welle geschaffen hatte. Mittlerweile hat Inzell sich in Anbetracht des Erfolgs der damaligen Maßnahme zu einer regelrechten Sport-Kommune entwickelt, die versucht, dem Leistungs- wie dem Freizeit- und dem Feriensportler gerecht zu werden. Werbefaktor Nr. 1 bleibt gleichwohl der Eisschnellauf.