„Werke 1“, von C. F. Ramuz. Das Leben des großen waadtländischen Romanciers Charles-Ferdinand Ramuz (1878 bis 1947) gehörte bis auf einen langen Aufenthalt in Paris ganz seiner eigenen Heimat zwischen den Bergen und dem Genfer See. Seine Romane haben in Frankreich zunächst schockiert, abgestoßen, wirkten ungehobelt, provinziell; es waren Dichter wie Claudel, die erkannten, welcher Erneuerer der Literatur und auch der Sprache hier erschienen war. Ramuz sprengte die Konventionen der französischen Prosa, indem er in stilisierter Form die eigenartige Syntax des in seiner Heimat gesprochenen Französisch aufnahm. Er schien damit ein folkloristischer Sonderling, ein Regionalist. Vielleicht war es erst seine folgenreiche Zusammenarbeit mit Igor Strawinsky an der „Geschichte des Soldaten“, die den Namen Ramuz international bekannt machte. In Wirklichkeit ist Ramuz eine noch verkannte Gründergestalt. Er bezog sich am liebsten auf den Maler Cézanne, der im Rückzug von Paris in der heimatlichen Provence einen neuen Stil entdeckte, geometrisch und auf eine bisher unbekannte Art realistisch. Ramuz wurde zu Lebzeiten von Werner Johannes Guggenheim sehr gut ins Deutsche übersetzt. Die jetzige deutsche Neuausgabe, die auf sechs handliche Bände angelegt ist, hat jüngere schweizerische Schriftsteller als Übersetzer gewonnen, und wiederum ist Ramuz in ausgezeichneter deutscher Fassung greifbar, zunächst mit drei frühen Romanen, darunter dem verfremdeten autobiographischen Bildungsroman „Samuel Belet“. Es ist noch nicht ganz der spätere Ramuz, empfiehlt sich aber gerade deshalb als erste Begegnung mit diesem abrupten Autor. Denken wir an den Titel eines Romans von Jonke, können wir sagen, daß, Ramuz tatsächlich „geometrische Heimatromane“ geschrieben hat. In ihnen ist die Einfachkeit weder primitiv noch gekünstelt. Ramuz ist ein intellektueller, über seine neuen Mittel gebietender Künstler. In seinem Gesamtwerk, zu dem Tagebücher, Essays, Dichtungen gehören, auch Arbeiten für den Film, dem er manche Ausdrucksmittel für seine Prosa entnommen hat, ist Ramuz vielleicht der erste, der den Gegensatz von Dichtung und Erzählung ganz aufgehoben hat. Ein großer Teil des späteren Nouveau Roman setzte hier an. Ramuz hat in der Darstellung von unüberbrückbarer Fremdheit zwischen den Geschlechtern, zwischen den Gemeinschaften eine tragische zerrissene Welt gestaltet. Sie hat oft den Charakter der Vision – das Wort im Sinn der Anschauung des Malers und des „Zungenredens“ des Propheten genommen, denn in Ramuz steckt beides, wie in seinen Figuren die Extreme des Irrsinns und der Bescheidung. (Verlag Huber, Frauenfeld; 768 S., Subskript.-Preis 28,– DM.)

François Bondy

„Ein Garten voll Sand“, Roman von Earl Thompson. Mit dem Titel ist Kansas gemeint, wo der Autor 1931 geboren wurde. 1931 beginnt auch Jacky Andersens Geschichte, das Fünfhundert-Seiten-Epos einer elenden Kindheit. Nicht ein Schimmer nostalgischen Glanzes verklärt hier die dreißiger Jahre. Eine desolate Farce – so sieht der alte MacDeramid die Ära des New Deal: „Ich bin nun mal keiner von den Arschleckern, der Roosevelts Halsabschneidern auch noch die Schuhe küßt, wenn sie ihm Lügen ins Gehirn blasen, während das Schwein unser Land in Not und Elend führt ...“ – Thompson beschreibt radikal die Zustände, konsequent einseitig, reduziert auf die soziale Situation einiger Leute und ist deshalb eben doch kein neuer Steinbeck“, wie ein (unbelegtes) Zitat auf dem Schutzumschlag behauptet. Akzeptiert man, daß Thompson nur auf drastische Weise Zeitkolorit vermitteln wollte, so erstaunt dann doch die souverän durchgehaltene Realistik der Erzählweise. Thompson langweilt den Leser selten, wiewohl das Thema nur wenig Variationsmöglichkeiten bietet. Jacky verbringt die ersten Lebensjahre in Wichita (Kansas) bei den MacDeramids, seinen Großeltern, die erbärmliche Imbißstuben und Fernfahrerkneipen bewirtschaften. Dann holt ihn seine Mutter in ihre heillose Welt. Die Reise durch den Süden nach Texas führt über Stationen des Lasters, der Kriminalität und Prostitution. Die sexuelle Fixierung des Jungen auf die Mutter wird zur inzestuösen Manie, von Jacky mit libidinöser Leidenschaft forciert bis zur Peripetie, die den Bruch bedingt: „... je liebevoller und zärtlicher sie sich gebürdete, desto stärker wurde sein Ekel, bis er schließlich war, was er eben war, und sie nur eine arme alte Hure.“ Inzest ohne ödipus-Komplex, vermutlich auch ohne pathologische Folgen für den Jungen, der zum Schluß seinen eigenen Weg geht: ist das nun Vorwand, um sich in einem abgenutzten Genre mit einem „originellen“ Motiv zu qualifizieren, oder ist es eine progressive Demonstration zugunsten moralisch wertfreier sexueller Selbstbestimmung? Auch ohne pornographische Sequenzen allerdings bliebe die Substanz des Romans erhalten. (Aus dem Amerikanischen von Hans E. Hausner; Verlag Fritz Molden, Wien/München; 496 S., 28,– DM.)

Egbert Hoehl