Der designierte Nachfolger Herbert Wehners im Gespräch mit Werner Höfer

Hätte er Sinn für Rheinromantik, so brauchte er nur den Kopf zu heben, um aus seinem Düsseldorfer Dachgeschoß auf den Strom zu blicken, den der größte Sohn dieser Stadt noch guten Gewissens als „ruhig fließend“ besingen konnte, bevor der Fluß sich als eine „europäische Kloake“ denunzieren lassen mußte. Im Oberstübchen seiner Staatskanzlei ist für den Ministerpräsidenten Heinz Kühn, der auch einmal das bittere Brot der Emigration zu beißen hatte, die nach seiner Bonner Wohnung zweite Lagerstatt aufgeschlagen, mönchisch eher als snobistisch. Ein drittes Quartier für alle Fälle (manche Nacht in einem anderen Bett, jeden Tag an einem anderen Tisch) steht etwa 60 Kilometer rheinaufwärts zur Verfügung, in Bonn, im Haus Nordrhein-Westfalen, auf halbem Wege zwischen Bundeskanzleramt und Bundestag, jener historischen Stätte, wo – unter tätiger Mithilfe von Heinz Kühn und seinem Düsseldorfer Kabinettskollegen Willi Weyer – die erste sozialliberale Bundesregierung zustande kam.

„Das Bonner Bett werden Sie nun wohl häufiger in Anspruch nehmen müssen, Herr Ministerpräsident? Wenn die Partei ruft, kann ein Mann wie Heinz Kühn nicht nein sagen ?“

Wie die Antwort auf diese Frage zögernd kommt, so zaghaft, wie er glaubhaft versichert, hat er seinem Freund und Vorsitzenden Willy Brandt „ja“ gesagt: „Mich hat mein Lebensweg gelehrt, meiner Gesinnungsgemeinschaft zu dienen, wenn sie mich braucht, und meine Loyalität Willy Brandt gegenüber hat es mir völlig unmöglich gemacht, ihm meine Mitarbeit zu versagen, wenn meine Partei insgesamt sie wünscht. Indessen habe ich mich nach dieser Kandidatur wahrhaftig nicht gedrängt.

Sie werden nun mit dem Mann verglichen, dem Sie vermutlich nachfolgen, mit Herbert Wehner. Sie sind ein Politiker der souveränen Intellektualität, er ist eher ein Mann des missionarischen Eifers und der taktischen Perfektion.“

Der Politiker, der sich diesem Vergleich ausgesetzt sieht, möchte für Herbert Wehner gern noch ein paar andere Eigenschaften in Anspruch nehmen, räumt aber ein, daß dieses Doppelpsychogramm in groben Umrissen nicht unzutreffend ist – mit der Einschränkung: „Wir haben eine unterschiedliche Persönlichkeitsstruktur, und wer auch immer Herbert Wehners, dieser singulären Persönlichkeit, Nachfolger wird, erfährt damit eine besondere Auszeichnung, übernimmt aber auch eine schwere Hypothek.“

„An der Spitze der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands steht ein Triumvirat: der Vorsitzende Willy Brandt, Bundeskanzler, und zwei Stellvertreter, von denen der eine, Helmut Schmidt, Bundesfinanzminister ist. Wird die Zusammenarbeit mit ihm schwierig oder ersprießlich werden?“ „Da habe ich nicht die geringsten Befürchtungen. Schon jetzt waren die drei Vorsitzenden von unterschiedlicher persönlicher Konstitution. Außerdem geht es nicht darum, das Erbe Herbert Wehners aufzuteilen, da er zum Glück mit seiner ganzen prägenden Kraft seiner Partei und dem Parlament erhalten bleibt.“