Amerikas Präsident Richard Nixon hat Gespür fürs Spektakuläre. Doch als er nach der jüngsten Dollarabwertung den neuen Kurs der US-Währung zum ersten Mal nicht in Gold definierte, steckte mehr dahinter als die Absicht, die Welt zu verblüffen. Daß der Wert des Dollars jetzt in Sonderziehungsrechten festgelegt ist, hat im Prinzip nur rechnerische Bedeutung. Doch dahinter steckt auch die psychologische Absicht, den Platz der Sonderziehungsrechte (SZR) im internationalen Währungsgefüge zu sichern.

Auch Finanzminister Helmut Schmidt scheint diesen Trend zu unterstützen: Er gab vorige Woche bekannt, eine Mark sei jetzt 0,294389 Einheiten Sonderziehungsrechte wert. Exkönig Dollar ist damit nicht einmal mehr als Vergleichsmaßstab gefragt.

Als der Gouverneursrat des Internationalen Währungsfonds (IWF) am 31. Mai 1968 die Einführung der neuen Zahlungseinheit beschloß, hatte er ein Ziel im Auge, das heute gar nicht mehr aktuell ist: die Schaffung internationaler Liquidität. Denn jahrelang fürchtete man, der Welthandel könne sich nicht voll entwickeln, weil die Zahlungsmittel knapp seien. Die Ziehungsrechte sollten diese Lücke füllen; denn sie konnten je nach Bedarf geschaffen werden.

Das Verfahren ist im Grunde einfach: Der Gouverneursrat des IWF teilt nach bestimmten Spielregeln den Mitgliedsländern SZR als Zahlungsmittel zu. Sie können damit bei anderen Ländern die Devisen kaufen, die sie gerade zum Ausgleich ihrer Verpflichtungen brauchen. Nach einer gewissen Frist müssen die SZR wieder von dem Land zurückerworben werden, das sich zuvor Devisen damit beschafft hat. Die SZR werden damit aber nicht wie ein Kredit getilgt, sondern bleiben in vollem Umfang bei dem Land bestehen, dem sie ursprünglich zugeteilt wurden.

Von dieser Möglichkeit internationaler Geldschöpfung wurde bereits mehrfach Gebrauch gemacht. Insgesamt wurden bisher für 9,3 Milliarden Dollar SZR geschaffen. Am 1. Januar 1972 wurden zum Beispiel fast drei Milliarden Dollar an über hundert Länder verteilt.

Sonderziehungsrechte sind damit im Grunde ein Ersatz für die ungeliebten Dollars, aber auch für das knappe Gold. Das hat ihnen die Bezeichnung Papiergold eingetragen. In der Tat ist es denkbar, daß eines Tages die Ziehungsrechte den Dollar (und vielleicht sogar das Gold) als internationales Reservemedium verdrängen. Die Notenbanken würden dann nicht mehr Dollars, sondern SZR als Währungsreserven ausweisen. Das hätte den Vorteil, daß der Wert des Reservemediums nicht mehr von der Politik und der Wirtschaftsmacht eines einzigen Landes abhängig wäre. Vor allem könnte nicht ein Land sich weigern, die Reservewährung gegen andere Devisen umzutauschen.

Die Schaffung künstlichen Geldes ist gar keine neue Idee. Schon bei den Verhandlungen über die Währungsordnung in Bretton Woods plädierte 1944 der britische Lord John Maynard Keynes für eine internationale Zahlungseinheit. Sein „Bancor-Geld“ fand jedoch keinen Gefallen. Und als der amerikanische Professor Robert Triffin 1957 an diesen Gedanken anknüpfte, wurden seine Vorstellungen von den Währungspolitikern als unrealistisch abgetan.