In einem Neudruck ist im Verlag Gerd Hat je die „Histoire naturelle“ von Max Ernst herausgekommen, sein erster und umfangreichster Frottagen-Zyklus, ein Hauptwerk des Surrealismus, das Paradebeispiel für das surrealistische Prinzip des Automatismus, das hier in vielen Varianten vorgeführt und dabei an entscheidender Stelle modifiziert wird.

Die erste Ausgabe erschien 1926 bei Jeanne Bucher in Paris, ein Jahr nachdem Max Ernst die Frottage entdeckt hatte. Max Ernst hat über die „unerträgliche visuelle Heimsuchung“ berichtet, die ihm am 10. August 1925 in einem Hotelzimmer an der französischen Atlantikküste widerfahren sei. Die Furchen der Fußbodendielen hätten die Rolle des optischen Provokateurs übernommen, er brauchte nur noch Papier darüberzulegen und die Strukturen mit dem schwarzen Bleistift durchzuschreiben, um Zeichnungen zu erhalten, die ihn selber durch „die plötzliche Intensivierung“ seiner „visionären Fähigkeiten und die halluzinatorische Abfolge der gegensätzlichen Bilder“ überraschten.

Der Bericht über die Entstehung der Frottage ist, wie die meisten Äußerungen Max Ernsts, eine wundervolle Mischung aus Mystifikation und Wahrheit. Und er entspricht aufs genaueste Bretons Forderung nach dem halluzinatorischen Bild: „Nicht zeichnen ... man muß lediglich abpausen.“

Max Ernst hat die Frottage dann allerdings rasch weiterentwickelt, nur im Anfangsstadium, nur in dem legendären Hotelzimmer hat er es mit dem reinen Ab- und Durchpausen bewenden lassen. Die „Histoire naturelle“ zeigt alle Phasen eines gelenkten, kontrollierten Automatismus. Das Material wird für die Frottage vorbereitet, die Oberflächenstrukturen werden auf ihre Bildhaftigkeit geprüft. Max Ernst verwendet, nicht nur gemasertes Holz, er nimmt Bindfaden, Lederstücke, Muscheln, Blätter, Brot, die sich auf dem Papier abzeichnen und eine ebenso zufällige wie gezielte, eine formale und zugleich gegenständliche Vieldeutigkeit ergeben, die landschaftliche, kosmische, antropomorphe Assoziationen hervorrufen. Wie bei der ersten Auflage sind die 32 Frottagen im Lichtdruck hergestellt. Sie wurden in Höhe und Breite um einen Zentimeter vergrößert und statt mit römischen Zahlen arabisch numeriert, um Verwechslungen mit der Originalausgabe auszuschließen. Die deutsche Ausgabe hat 350 Exemplare, sie kostet 190 Mark, der Preis für die Sonderausgabe mit einer Originallithographie beträgt 2000 Mark.

Gottfried Sello