Von Hermann Bößenecker

Der Numerus clausus nimmt immer mehr Abiturienten die Entscheidung für oder gegen das Hochschulstudium ab. Doch zum Glück gibt es auch in steigendem Maß eine echte Alternative: Praktisch orientierte junge Leute, die gleich nach der Reifeprüfung in der Wirtschaft starten, haben gute Chancen, auch ohne höhere wissenschaftliche Weihen bei Großunternehmen in die oberen Ränge aufzusteigen.

Sie dürfen sich dabei allerdings nicht scheuen, nach dem Abitur noch eine (verkürzte) Lehrzeit zu absolvieren. Auch wenn es nach dem Berufsbildungsgesetz keine „Lehrlinge“ mehr, sondern nur noch „Auszubildende“ gibt, so ist der heute offiziell verpönte Ausdruck keineswegs diskriminierend. Im Hause Siemens zum Beispiel ist man nach wie vor stolz auf die bereits fünfzig Jahre alte Tradition der „Stammhauslehrlinge“.

Unter dem neuen Kennwort „Betriebswirtschaftliche Ausbildung zum Industriekaufmann“ bietet Deutschlands größter Arbeitgeber (227 000 Mitarbeiter im Inland) Abiturienten eine zweijährige spezielle Ausbildung, die einen „wohlabgewogenen Wechsel von Theorie und Praxis“ verspricht. Siemens kann dabei auf eine besondere Tradition verweisen: Es war das erste deutsche Unternehmen, das die spezielle Ausbildung für Abiturienten einführte.

Natürlich ist auch bei Siemens der „normale“ Lehrling die Regel. Über 80 Prozent der rund 10 000 Auszubildenden, für die jeweils 25 000 Mark Kosten einkalkuliert werden müssen, sind gewerbliche Lehrlinge. In rund 60 Lehrwerkstätten im ganzen Bundesgebiet werden sie in dreieinhalb Jahren in manuellen, „handwerklichen“ Berufen zum Facharbeiter getrimmt. Dazu kommen rund 500 technische Lehrlinge, überwiegend weibliche Assistenzkräfte, die in technischen Schulen in München und Erlangen ausgebildet werden.

Kaufmännische Eleven hat Siemens rund 1000. Sie bilden ein wichtiges Reservoir für die kaufmännischen Führungskräfte des Unternehmens. Es ist nicht ausgeschlossen, daß sie bis in den Vor? stand aufsteigen. Der Leiter der Zentralabteilung Personal, Joachim von Oertzen, hat nach dem Krieg als Stammhauslehrling begonnen. Und ein vor einigen Jahren ausgeschiedenes Vorstandsmitglied, Wilhelm Lehmann, ist auf dem gleichen Wege bis in die Managementspitze gelangt.

Sicherlich kann nicht jeder Stammhauslehrling den Marschallstab im Tornister tragen. Aber er gewinnt einen Einblick in das Gesamtunternehmen, da er bei seiner Tornister durch zahlreiche Sparten „das Haus in einer Breite kennenlernt, wie das später niemand mehr vermag – und dies in einer relativen Unverbindlichkeit“. So formuliert es Hans-Jörg Hörger, der in der Zentralabteilung Personal für Allgemeine Bildungspolitik zuständig ist. Seine Einschränkung: „Der Aufstieg ist nicht garantiert. Nur ein Teil kann es schaffen.“