Ungefähr 7500 Besucher waren gekommen, um die Band zu sehen, die zu dem Dutzend der populärsten Rock-Gruppen in der Welt zählt und bei ihren US-Tourneen ähnliche Gagen kassiert wie die Rolling Stones, Three Dog Night oder Elvis Presley: zu Led Zeppelin. Es wurde eines der deprimierendsten Konzerte in dieser Popkonzert-Saison. Die Verstärkeranlage reichte für die riesige Olympiahalle bei weitem nicht aus; zwar weiß man, daß diese Halle zu den akustisch miserabelsten in der Bundesrepublik gehört, aber bei so großen Namen wie Led Zeppelin wird sie schon deswegen gewählt, weil man nicht riskieren möchte, daß draußen gebliebene Fans mit Gewalt einzudringen versuchen.

Typisch war das Konzert insofern, als es den Niedergang einer Band zeigte, die einmal zu den besten Live-Unterhaltern gehört und 1969 eine kometenhafte Karriere begonnen hatte. Heute wird jeder Song durch ein schier endloses Gitarrensolo von Jimmy Page aufgebrochen, der Drummer spielt am Ende jedes Songs ein Schlagzeugsolo, und der Sänger stellt sich – wie in der Popmusik Ende der sechziger Jahre – mit seinen langen Haaren, hautengen Jeans und der einmal so publikumswirksamen „Squeeze-mylemon“ Attitüde als konventionelles Sexsymbol aus.

Led Zeppelin sind Opfer ihres eigenen Images geworden. Sie waren einmal die einflußreichsten Vertreter des sogenannten „Heavy Rock“; Hunderte von neuen Gruppen haben sich seit 1969 an ihrem einst so harten und kompakten Sound orientiert. Heute wirkt vieles von dem, was sie spielen, wie eine Parodie auf die eigene bessere Vergangenheit – nicht jedoch, weil sie sich selber kopieren würden, sondern gerade, weil sie aus den alten Klischees auszubrechen versuchen.

Am deutlichsten, wird diese Entwicklung an einer Nummer, die Jimmy Page komponiert hat, nachdem er an Stelle von Jeff Beck Leadgitarrist der Yardbirds geworden war. Unter dem Titel „I’m Confused“ tauchte dieser Song zuerst auf der „Live-Yardbirds“-LP auf, die im März 1968 beim letzten Konzert der Gruppe in New York mitgeschnitten worden war. Eine leicht veränderte Version des Stücks spielten Led Zeppelin unter dem Titel „Dazed and Confused“ für ihr Debüt-Album ein. Die Klangexperimente und der völlig ungewohnte Sound, den der virtuose Page mit Hilfe eines Ringmodulators, einer mit dem Geigenbogen gestrichenen und geschlagenen Gitarre und mit mehrfachem Echohall erzeugte, waren damals sensationell. Mittlerweile ist aus dem knapp sieben Minuten langen Stück eine Klangorgie von 35 Minuten Länge geworden, bei der sich Jimmy Page vor allem selber beweisen möchte, wie virtuos er ist. Baßgitarre, Schlagzeug und die durch Echoeffekte verzerrte Stimme des Sängers bilden für die spontan empfundenen, musikalisch aber völlig strukturlosen Solo-Exkursionen nur noch einen rhythmischen Hintergrund. Das konsternierte Publikum begreift, daß hier Rockmusik nur noch ein Ego-Trip ist. Doch wenn Page am Ende einige laute und monströse Riff-Akkorde auf der Gitarre schlägt, applaudiert es trotzdem.

Es ist verständlich, daß eine Gruppe nicht fünf Jahre lang dieselben Stücke Note für Note herunterspielen möchte. Aber unbefriedigend ist, daß sie die Song-Form sprengen will, ohne dafür nur eine neue und glaubhafte Form experimenteller Improvisation zu finden. Fast die Hälfte der in diesem Konzert gespielten Stücke waren für das Publikum neu, dennoch boten sie nichts, was man nicht schon von früheren Platten kannte. Die Gruppe ist heute musikalisch ausgelaugt; einerseits glaubt sie nicht mehr an das, was sie früher produziert hat, andererseits ist sie nicht entwicklungsfähig und muß deshalb dem Gitarristen immer mehr Zeit einräumen, seine Virtuosität zu demonstrieren. Und die ist am Ende nur noch langweilig.

Die gleiche Beobachtung kann man bei den Konzerten anderer Top-Seller des Popmusikgeschäfts machen, bei Jethro Tull zum Beispiel, bei Deep Purple und Emerson, Lake & Palmer. Solo-Auftritte ersetzen mehr und mehr das Ensemble-Spiel. Ein Song ist nur noch dazu da, um instrumentales Können zu beweisen.

Während der „Altmeister“ Chuck Berry vor einigen Wochen in Frankfurt nur fünf Minuten brauchte, bis sein Publikum aufstand und tanzte, dauerte es beim Münchner Gastspiel der Led Zeppelin anderthalb Stunden. Aber das waren dann keine Led-Zeppelin-Kompositionen, zu denen es sich verzückt bewegte, sondern ein Potpourri aus alten Songs von Buddy Holly, Elvis Presley und Wanda Jackson. Als die Gruppe danach eins zwanzigminütige Version von Willie Dixons langsamem Blues „I Can’t Quit You Babe“ spielte, war die Anticlimax perfekt.

Franz Schöler