Von Andreas Kohlschütter

Saigon, im März

Was Washington wochenlang nicht wahrhaben wollte, läßt sich länger nicht verschweigen: Nordvietnamesische Truppen in beträchtlicher Stärke und mit schwerem Kriegsmaterial befinden sich wieder einmal auf dem Infiltrationsmarsch gen Süden. Auf den über die „Ebene der Tonkrüge“ in Laos laufenden Ho-Tschi-Minh-Pfaden werden täglich 50 bis 80 Militärlastwagen gezählt; 30 000 Mann, über 300 Panzer und Hunderte von schweren Artilleriegeschützen sollen inzwischen unter Umgehung des Pariser Waffenstillstandsabkommens nach Südvietnam eingeschleust worden sein oder noch in den laotischen und kambodschanischen Etappenräumen bereitstehen.

Amerikanische Nordvietnam-Experten in Saigon rätseln über die Beweggründe, die Hanoi zu einem so eklatanten Bruch der Verpflichtungen veranlassen könnte. Handelt es sich um den Aufmarsch zu einer neuen kommunistischen Großoffensive, die nach dem Abzug des letzten amerikanischen Soldaten eingeleitet werden soll? Will Hanoi – bevor der Pariser Kontrollmechanismus zu funktionieren beginnt – seine während der Oster-Offensive des vergangenen Jahres schwer angeschlagenen Einheiten aufstocken, um angesichts der kompromißlosen Haltung Thieus für alle Eventualitäten gewappnet zu sein und gleichzeitig dem Vietcong für die angelaufenen politischen Verhandlungen mit Saigon den Rücken stärken?

Nordvietnam hat die Möglichkeit einer Wiederaufnahme des militärischen Kampfes nie völlig ausgeschlossen. Das Pariser Abkommen wurde von Hanoi niemals als Verzichtserklärung auf jede Wiedervereinigungs- und Revolutionspolitik verstanden. „Die nordvietnamesischen Streitkräfte und das nordvietnamesische Volk sind entschlossen, sich dem Vertrauen der südlichen Kompatrioten und Kämpfer würdig zu erweisen“, schrieb das Parteiorgan Nhan Dan wenige Tage nach Inkrafttreten des Waffenstillstandes. Und die Armeezeitung Quart Doi Nhan Dan forderte: „Unser Volk muß ein stabiles und mächtiges Nordvietnam aufbauen und fortfahren, für das Ziel der nationalen und demokratischen Revolution in Südvietnam zu kämpfen.“ Der Pariser Vertrag wurde, wie es nicht anders zu erwarten war, immer dynamisch ausgelegt: „Wir haben einen Sieg errungen, wir werden diesen Sieg weiterentwickeln, um neue Siege zu erringen.“

Dabei kann man aber beträchtliche Auslegungsunterschiede feststellen. Sie lassen auf Meinungsdifferenzen zwischen Hanoi und dem Vietcong, aber auch zwischen zwei Gruppen innerhalb des Hanoier Politbüros schließen. Während in aggressiven Vietcong-Verlautbarungen immer wieder darauf hingewiesen wird, daß der Kampf für den Frieden andauere und der Weg zur nationalen Aussöhnung weiterhin „hart und kompliziert“ sei, gibt sich Nhan Dan gelassener: Eine grundlegende Veränderung im Kräfteverhältnis sei bereits eingetreten, zur nationalen Aussöhnung käme es sozusagen automatisch, sie sei „historisch unvermeidbar“. Während der Stratege und Verteidigungsminister Giap zur „selbstlosen sozialistischen Arbeit“ aufrufe „um die Kriegswunden rasch zu heilen und aus dem Norden einen Stützpunkt für den revolutionären Kampf im ganzen Lande zu machen“, ermahnt Parteichef Le Duan die Funktionäre: „Wir müssen die Kriegswunden heilen, um uns ein immer reicheres, zivilisiertem und fortschrittlicheres Leben leisten zu können.“

Giap, sekundiert von den Dogmatikern und vom Vietcong, erklärte Mitte Februar pessimistisch: „Der Friede ist nicht gesichert, die Revolution nicht beendet, unser Vaterland noch immer nicht wiedervereinigt. Die faschistischen Militärkräfte wollen die Teilung verewigen und in Südvietnam den Neokolonialismus aufrechterhalten.“ Le Duan dagegen gibt sich optimistischer: „Zum erstenmal seit hundert und mehr Jahren genießt unser Land echten Frieden und sind alle Aggressoren verschwunden.“