Wehners Signal für die SPD / Von Rolf Zundel

Nun wird auch die SPD von Führungsproblemen heimgesucht. Brandts Donnerwort, er könne nicht die Verantwortung dafür tragen, wenn sich die SPD von ihrem Wahlprogramm entferne, und Wehners Erklärung, er wolle sein Amt als stellvertretender Parteivorsitzender abgegeben, haben Freund und Feind aufgeschreckt. Und mehr noch als des Kanzlers rhetorischer Ausbruch wirkte Wehners plötzliche Ankündigung. Selbst der Kanzler war davon überrascht worden.

Herbert Wehner macht es seinen Interpreten nicht leicht. Er hat häufig die Partei aufs richtige Gleis gebracht, oft die Sache ins rechte Licht gerückt – sich selber nie. Und so rätseln denn auch heute selbst engste Parteifreunde, was ihn wohl bewogen haben könnte, einen Teil der Verantwortung für die SPD abzugeben.

War es nicht Herbert Wehner gewesen, der in der Nacht nach der letzten Bundestagswahl, als kein Zweifel mehr daran bestand, daß die SPD zum erstenmal in der Geschichte der Bundesrepublik stärkste Fraktion geworden war und die sozialliberale Koalition über eine unangefochtene Mehrheit verfügte – war nicht Wehner es, der triumphierend erklärt hatte, dafür habe er 23 Jahre gekämpft? Und nun, knapp vier Monate später, ausgerechnet in einem Augenblick, da er erklärtermaßen die Gefahr sieht, daß die SPD sich in Richtungskämpfen zerstreitet und sich so um die Früchte ihres Sieges bringt, teilt er lakonisch mit, er werde nicht mehr für das Amt des stellvertretenden Parteivorsitzenden kandidieren – aus persönlichen Gründen.

Gewiß, Herbert Wehner ist 66 Jahre alt, geschunden und gebeutelt in gnadenlosen Gefechten, obendrein krank – er hat die Entlastung wahrhaftig verdient, von der er seit einigen Jahren immer wieder spricht. Sicher ist auch richtig, daß ihm das Amt des Fraktionsvorsitzenden für die Partei kaum mehr Zeit läßt. Aber was ändert sich dann, wenn Heinz Kühn, ebenfalls schon 61 Jahre alt, seine Nachfolge antritt? Kühn hat gewiß kräftig dazu beigetragen, daß die sozialliberale Koalition in Bonn zustandegekommen ist, er verfügt auch über eine flinke Suada, aber er ist bisher weder als großer Parteiorganisator hervorgetreten, noch hat er je als ideologischer Fixstern der Partei gegolten.

Es gibt wohl kaum einen deutschen Politiker, der von der Amtsautorität unabhängiger wäre als Herbert Wehner; deshalb befreit ihn auch ein Teilverzicht auf solche Autorität nicht von der politischen Verantwortung. Wenn nicht alles trügt, hat künftig sein Wort eher mehr denn weniger Gewicht. Indem Wehner demonstriert, daß er für sich Amt und Macht nicht mehr erstrebt, erhalten seine Erklärungen testamentarische Bedeutung. Er wird freier gegenüber Willy Brandt, freier vor allem aber in der Verteidigung seines Lebenswerkes: der Regierungsfähigkeit der SPD.

Dieses Lebenswerk ist ein Teil der Geschichte dieser Partei, die er mitgestaltet hat: von der fast hoffnungslos abgehängten Opposition der fünfziger Jahre zur machtvollen Regierungspartei von heute, von jenen Tagen, da die Mehrheit der Bürger in diesem Lande glaubte, dieser SPD dürfe man den Staat nicht anvertrauen, bis ins Jahr 1973, da die Überzeugung herrscht, die SPD sei die führende politische Kraft in diesem Lande.