Archäologische Bücher über griechische Inseln, die Atlantislegende, Çatal Hüyük, Zypern, Salamis und Südarabien

Von Gerhard Prause

Spuren der Vergangenheit zu erforschen, Spuren von Menschen, die vor Jahrtausenden gelebt haben, Ruinen ihrer Tempel, Paläste und Wohnhäuser, Reste ihrer Kleidung und Möbel, die Dinge des täglichen Gebrauchs, ihre Kunst- und Kultgegenstände, ihre Waffen, ihren Schmuck: das ist immer wieder eines der faszinierendsten Erlebnisse. Und so ist es denn kein Wunder, daß „archäologische Reisen“ immer beliebter werden. Andererseits aber kommt es gerade bei solchen Fahrten von Ruinenfeld zu Ruinenfeld nicht selten zu Enttäuschungen, zumal bei jenen, die die Ausgrabungsstätten ganz unvorbereitet besuchen und dann auf die hastig heruntergespulten Auskünfte von Fremdenführern angewiesen sind. Bei archäologischen Expeditionen sollte man möglichst schon vorher wissen, was man sehen wird. Sonst entsteht nur allzuleicht der Eindruck, eigentlich nichts als Steine gesehen zu haben. Eine ganz ausgezeichnete Möglichkeit, sich auf den Besuch einiger der interessantesten und bedeutendsten Ausgrabungen der letzten Jahre vorzubereiten, bietet der Gustav Lübbe Verlag mit seiner (1967 begonnenen) Reihe „Neue Entdeckungen der Archäologie“.

Die Originalausgaben der vorbildlich ausgestatteten Bände – Großformat, zahlreiche Tafeln mit meist unbekannten Farb- und Schwarzweiß-Photos, mit Karten, Plänen und Zeichnungen sowie Bibliographie und Register – erschienen im Londoner Verlag Thames and Hudson. Herausgeber ist Sir Mortimer Wheeler. Die deutsche Ausgabe, auch die Übersetzung, besorgte der Althistoriker und Altphilologe Joachim Rehork. Die Verfasser sind führende Wissenschaftler, manchmal die Leiter der Ausgrabungen selber.

Bei allen Darstellungen – die übrigens durchweg allgemeinverständlich gehalten sind – geht es immer um neue, manchmal wirklich sensationelle Entdeckungen. Oder aber um neue Deutungen, wie zum Beispiel bei den Ausgrabungen auf der griechischen Vulkaninsel Thera (Santcrin, 130 Kilometer nördlich von Kreta). In dem Band „Atlantis – Legende und Wirklichkeit“ (1969) setzt sich der englische Gräzist J. V. Luce mit der Frage auseinander, ob die gefundenen Spuren der minoischen Kultur Reste des sagenhaften Atlantis sein könnten, das – wie es bei Plato heißt – „an einem einzigen Tag und in einer Nicht voller Schrecken in die Tiefe des Meeres verschwand“.

Vor gut hundert Jahren, als man auf Thera für den Bau des Suezkanals den dort in ungeheuren Massen liegenden Bimsstaub abtrug, um ihn zu Zement zu verarbeiten, war man auf die Ruinen mehrstöckiger Häuser mit freskengeschmückten Wänden und kunstvoll bemalten Keramikgefäßen gestoßen. Das war noch vor der Entdeckung der minoischen Paläste auf Kreta. Weitere Grabungen auf Thera und die Erkenntnis, daß die Insel einst sehr viel größer als heute gewesen ist (bevor sie um 1500 v. Chr. bei einem starken Ausbruch des Santorin teils in den Fluten versank, teils unter einer Aschenschicht begraben wurde), führten zu der These, nicht Kreta, sondern Thera sei das Zentrum der minoischen Kultur gewesen. Und vielleicht gar Atlantis.