Börsendienste und Wertpapierexperten in der Bundesrepublik warnen wieder einmal vor Aktienspekulationen in Tokio. Der fernöstliche Markt sei ein unsicherer Ort, heißt es. Kurssprünge von zehn bis zwanzig Prozent an einem Tag sind keine Seltenheit. Hinzu kommen Millionenumsätze, die den Börsenbetrieb lahmlegen. Was sich dort abspielt, ist für westliche Börsenfachleute in der Tat nicht mehr verständlich.

Der Zusammenbruch der Kurse, der den unnatürlichen Haussen in Tokio üblicherweise folgt, wird in der Regel in wenigen Tagen oder Wochen wieder ausgebügelt. Wer den Unkenrufen westlicher Anlageexperten folgte und seine Finger vom japanischen Markt fernhielt, verzichtete allein 1972 auf eine mögliche Verdoppelung seines Geldes.

Das japanische Wirtschaftsverständnis – das bewahrheitet sich tagtäglich – ist mit normaleuropäischer Elle nicht mehr zu messen. Etliche Wirtschaftsunternehmen wären nach betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten längst bankrott. Bis unters Dach mit Krediten vollgepumpt, betätigen sich aber selbst gefährdete Unternehmen noch als Großspekulanten an der Börse.

„Fatalismus oder Größenwahnsinn?“ fragte das amerikanische – Wirtschaftsjournal Fortune kürzlich. Verschlechtert sich nämlich die „easy money Situation“ nachhaltig, brechen nicht nur (wieder einmal) etliche Firmen zusammen, sondern es droht ein Massenverkauf von Aktien an der Börse, und zwar von Firmen, die sich durch den Verkauf von Aktien schnell noch mit Liquidität eindecken wollen.

Hauptdiskussion ist derzeit in Tokio natürlich die internationale Währungssituation. Auch auf diesem Gebiet neigt das fernöstliche Kaiserreich zu Größenordnungen, die faszinierend erscheinen. Der augenblickliche Aufwertungssatz des Yen gegenüber dem Dollar beträgt zwar nur 18 Prozent. Die tatsächliche Verteuerung der japanischen Währung gegenüber dem amerikanischen Dollar beläuft sich innerhalb der letzten 14 Monate jedoch auf stolze 38 Prozent. Dabei steht überhaupt noch nicht fest, ob es bei dem jetzigen „Floating-Satz“ bleibt. Viele Japaner rechnen mit einem weiteren Rückgang der Dollar-Notiz um fünf bis zehn Prozent.

Die extremen Wechselkursveränderungen werden für die japanischen Firmen nicht ohne Folgen bleiben. Nach den Schätzungen westdeutscher Analysten müssen die Prognosen für die Unternehmensgewinne erheblich korrigiert werden. Statt der avisierten Gewinnverbesserung für 1973 von 23 bis 26 Prozent – so sagen sie – sei bei einer Aufwertungsrate, die zwanzig Prozent überschreitet, nur noch mit sechs bis sieben Prozent zu rechnen. Und wiederum scheint es, als würden sich die westlichen Experten irren.

Japans Wirtschaft hat nämlich – im Gegensatz zur Bundesrepublik – einen immensen Nachholbedarf auf dem Inlandsmarkt. Die hohe Nachfrage ist bislang nur dürftig gedeckt worden. Die Ausfuhr von Waren verringerte das inländische Warenangebot im Verhältnis zur vorhandenen Geldmenge, so daß Japan mit erheblichen Preissteigerungsraten zurechtkommen muß. Sollten die Zuwachsraten im Export tatsächlich nachhaltig schrumpfen, könnte dadurch ein erheblicher Teil der Preissteigerungen aufgefangen werden und restriktive Maßnahmen zur Inflationsbekämpfung überflüssig machen.