Der Kanzler ist keiner, der sich blauen Dunst vormachen läßt. Wo in Bonn viel Rauch ist, da ist vielleicht ein Feuer, aber kein Brandt. Seit er sich das Rauchen abgewöhnt hat, wirkt er mitunter wie ausgebrannt. Und auch etwas vereinsamt, denn in seiner Umgebung gibt es mehr Raucher als Nichtraucher. Es scheint oft, als floate er nur noch irgendwo über dem Ganzen wie ein Fesselballon ohne Erdberührung. Das ist bei ihm keine Überheblichkeit. Er will nur dem Raucherqualm entgehen. Nur darum sieht es so aus, als fange das Kabinett an, nach Helmut Schmidts Pfeife zu tanzen.

Des Kanzlers Rauch-Abstinenz ist zu einem Politikum geworden. Und zu einem polit-medizinischen Zankapfel, der zu einer gefährlichen Spaltung unter den Nikotin-Forschern geführt hat. Es stehen sich da zwei Schulen gegenüber. Die eine verwirft das Rauchen grundsätzlich als gesundheitsschädlich und verweist dabei zusätzlich auf die gefährlichen Folgen des Rauchens auf nicht-rauchende Mitmenschen. Als Versuchskaninchen dienten ihnen Ratten, die das Rauchen nachweisbar schlecht vertrugen.

Die andere Schule hält sich nicht mit Versuchskaninchen auf, sondern lieber an den Kanzler. An ihm will sie beweisen, daß es noch schädlicher sein kann, mit dem Rauchen aufzuhören, als weiter zu rauchen – und zwar innen- wie außenpolitisch.

So hängt die Entfremdung zwischen Brandt und den Jusos weitgehend damit zusammen, daß jene sich nicht an das Rauchverbot halten mochten. Das zwang sie, Dampf in der Öffentlichkeit abzulassen. Dadurch wiederum wurde nicht nur die Frage nach dem Godesberger Programm und dem Langzeitprogramm vernebelt, sondern die ganze Atmosphäre vergiftet.

Seit der Kanzler nicht mehr raucht, reagiert er oft gereizt und empfindlich. Unter seinen Stimmungen haben Raucher wie Nichtraucher zu leiden. Selbst Reden, die eher zur milden Sorte gehören, wie neulich die von Narjes im Bundestag, bringen ihn unangemessen auf – sicher nur, weil ihn gerade ein wildes Verlangen nach einer Zigarette gepackt hat.

Wenn jetzt Brandt seinen getreuen Wehner als Stellvertreter verliert, so hängt das bestimmt damit zusammen, daß sich Brandt nicht länger Pfeifenqualm ins Gesicht blasen lassen wollte. Die Partei ist sich des Ernstes der Lage bewußt. Darum hat sich in ihrem Schoß ein weiterer Kreis gebildet, der dem Kanzler das Rauchen wieder angewöhnen will. Es ist der „Rauchfang-Kreis“, so genannt nach seinem Gründungslokal.

In ihren Methoden sind seine Mitglieder nicht wählerisch. Fortwährend konfrontieren sie den Kanzler mit aufgebrochenen Zigarettenschachteln; dauernd fingern sie in seiner Nähe in ihren Jackettaschen herum; oder sie halten ihm, wie aus Versehen, ihr Zigarettenetui vor die Nase,

Das alles hat an den Nerven des Kanzlers sehr gezehrt und mit dazu beigetragen, daß er jetzt mit seinem Rücktritt droht. Den unmittelbaren Ausschlag aber gab eine wohlgemeinte Friedenspfeife, die ihm eine Juso-Abordnung auf den Schreibtisch legte. Da soll der Kanzler vor Zorn nur so geraucht haben.