Nachdem vor drei Jahren in den USA der Verkauf und jegliche Verwendung des Süßstoffs Cyclamat verboten wurde, weil sich die Substanz in wiederholt ausgeführten Experimenten an Tieren als krebserzeugend erwiesen hat, sind amerikanische Diabetiker und kalorienbewußte Verbraucher zum Süßen ihrer Speisen auf Saccharin angewiesen. Inzwischen aber ist auch diese bewährte Diätsüße in den Verdacht geraten, möglicherweise Krebs hervorzurufen – jedenfalls bei Ratten.

Sollte sich diese Vermutung bestätigen, dann müßte die US-Behörde, die mit der Lebensmittelüberwachung betraut ist, die Food and Drug Administration (FDA), auch Saccharin zumindest für den freien Verkauf vom Markt verbannen. Denn ein 1958 beschlossenes Gesetz (Delany Amendent genannt), das unlängst erst wieder von der größten amerikanischen Ärztevereinigung als wichtigste Bestimmung für die Volksgesundheit gelobt worden ist, verlangt, daß ein Stoff, der – und sei es auch nur in hoher Dosierung – bei Versuchstieren Krebs zu erzeugen vermag, nicht als Zusatz in Lebens- und Genußmitteln verwendet werden darf.

Schon im Januar 1972 hatte eine Arbeitsgruppe der Wisconsin Alumni Research Foundation Versuchsergebnisse veröffentlicht, aus denen hervorging, daß nach Verfüttern großer Mengen von Saccharin an Ratten bei einem Teil dieser Tiere Blasentumoren festgestellt wurden, die „unverkennbar bösartiger Natur“ waren. Die FDA hatte daraufhin in eigenen Labors solche Tierexperimente ausgeführt und, wie die Behörde jetzt mitteilt, ebenfalls nach Saccharingaben Geschwulste in Rattenblasen gefunden, die als „verdächtig“ bezeichnet werden, aber deren Bösartigkeit noch nicht bewiesen worden sei. Wissenschaftlern des US-Krebsinstituts hingegen war es nicht gelungen, mit Saccharin an Ratten oder Mäusen Blasentumoren zu erzeugen.

Jetzt wartet die Behörde noch Resultate ab, die eine Forschergruppe der Nationalen Akademie der Wissenschaften in Washington in etwa zwei Monaten vorlegen wird. Die Akademie war vor zwei Jahren von der Regierung damit beauftragt worden, in umfangreichen Langzeitversuchen an verschiedenen Tierarten mögliche krebserzeugende Wirkungen von Saccharin zu ermitteln.

Sollte dieses Gremium zu dem Schluß kommen, daß der Süßstoff tatsächlich in hoher Dosierung Tumoren wachsen läßt, dann würde die FDA zunächst ein Verbot des freien Verkaufs von Saccharin und saccharinhaltigen Nahrungsmitteln aussprechen. Ob es, wie die Cyclamate, gänzlich vom Markt verschwinden muß, würde sich dann erst nach weiteren Tierexperimenten entscheiden.

Bei den Cyclamaten hatten mehrere Forschungsinstitute unabhängig voneinander, darunter auch das Labor des größten Cyclamatherstellers der Welt, den Nachweis erbracht, daß die Chemikalie in hoher Dosierung an Versuchstieren bösartige Tumoren hervorruft. In der Bundesrepublik wird dieser potentielle Süßstoff nach wie vor frei verkauft.

Zur rechten Zeit, so scheint es, hat der amerikanische Chemiekonzern G. D. Searle bei der US-Gesundheitsbehörde die Erlaubnis beantragt, einen neuen Süßstoff zum Verkauf zuzulassen, eine seit sieben Jahren entwickelte Verbindung aus zwei in der Natur vorkommenden Aminosäuren, die 200mal süßer sein soll als Zucker,

– ow