Die Wirtschaftsbeziehungen zwischen den deutschen Staaten kommen nicht voran

Im festlich geschmückten Leipziger Opernhaus sagte Gerhard Weiss, stellvertretender Vorsitzender des DDR-Ministerrats, der Grundvertrag stelle die Aufgabe, den Handel zwischen DDR und BRD kontinuierlich zu entwickeln und seine Struktur zu verbessern. „Je eher dies geschieht, um so besser für diesen Handel und für beide Partner.“ Das klang wie ein verheißungsvoller Messeauftakt für die deutschen Kaufleute aus Ost und West.

Das offizielle Klima der Leipziger Frühjahrsmesse war in der Tat freundlich. Die inoffiziellen Begegnungen dagegen steuert die DDR-Führung nach anderen Prinzipien. Westdeutsche Aussteller machen immer öfter die Beobachtung, daß vertraute Besucher ausbleiben. Gespräche mit technisch Interessierten oder mit den Benutzern von aus der Bundesrepublik importierten Maschinen und Vorprodukten finden seltener statt denn je. Geschäfte werden in der Regel mit Funktionären der Außenhandelsgesellschaften und des Außenwirtschaftsministeriums besprochen. Und auch bei diesen Kontakten treten neue Gesichter oft an die Stelle alter Bekanntschaften.

Den politischen Ärger gab es hinter den Kulissen. Außenwirtschaftsminister Sölle und sein für den Handel mit der Bundesrepublik zuständiger Vertreter Behrendt beschwerten sich bei dem aus Bonn angereisten Staatssekretär Rohwedder, daß regelmäßig vor den Leipziger Messen in der westdeutschen Presse Berichte über die Verschuldung der DDR auftauchen. DDR-Funktionäre, die dies für eine gezielte Kampagne halten, können nicht verstehen, daß westliche Zeitungen sich bei ihrer Berichterstattung nicht nach Bonner Wünschen richten, sondern sich an aktuellen Ereignissen orientieren. Die ständig wachsende Verschuldung der DDR ist nun einmal das auffälligste Merkmal des innerdeutschen Handels.

Zudem stören sie sich unbegreiflicherweise an dem Wort „Schulden“. Obwohl die Verrechnungs- und Lieferantenkredite, die die DDR in Anspruch nimmt, um 1,8 Milliarden Mark höher sind als die der Bundesrepublik, erklärte der Pressesprecher des Außenwirtschaftsministeriums, Schütz: „Wir haben keine Schulden.“ Davon könne man nur sprechen, wenn jemand seine Rechnungen zum Fälligkeitstermin nicht bezahle. Schütz sollte sich aus eigenen Quellen mit einschlägigen Definitionen versorgen. Auch im DDR-Wörterbuch der Ökonomie heißt es unter dem Stichwort Verbindlichkeit: „Geldverpflichtung (Schulden) eines Betriebes oder einer Institution beziehungsweise einer natürlichen Person. Die Verbindlichkeit eines Betriebes entsteht, im Umschlagprozeß der Fonds, zum Beispiel beim Kauf von Material und Waren...“ Weiter weiß das Wörterbuch, daß es Verbindlichkeiten, also Schulden, innerhalb der Fälligkeitsfrist gibt und solche, deren Fälligkeitstermin überschritten ist.

Gleichwohl übernahm auch Staatssekretär Rohwedder die politische Sprachregelung der DDR und sprach sich sogleich für „mehr Gelassenheit“ gegenüber dem Ungleichgewicht des innerdeutschen Handels aus. Hingefahren war er mit der Absicht, die DDR-Regierung zu fragen, wie sie sich den allmählichen Ausgleich ihres Debetsaldos vorstelle. Vor Ort sagte er, Passivsalden im Außenhandel seien etwas ganz Normales. Die DDR werde schon ihre Rechnungen bezahlen.

Doch in diesem Jahr werden so viele Schulden fällig, daß sie kaum noch durch normale Warenlieferungen der DDR zu bezahlen sind. Das heißt, die devisenarme DDR muß entweder einen Teil ihrer Verpflichtungen durch Barzahlung abdecken, ihre Einkäufe drosseln oder immer mehr und immer längere Kredite aushandeln. Tatsächlich sind in Leipzig kaum noch Geschäfte mit kurzfristigen Zahlungszielen oder gar Ware gegen Kasse zu machen.