Straßburg, im März

Der ehrwürdige Lord Gladwyn beging eine Ungeheuerlichkeit. Nachdem das Plenum des Europäischen Parlaments geraume Zeit über den Text einer Nahost-Resolution debattiert hatte, erhob sich der Abgeordnete der britischen Liberalen und erklärte: „Ich sehe überhaupt keinen Sinn in der Verabschiedung dieser Entschließung.“ Nur mit Mühe konnten die altgedienten Euro-Parlamentarier ihre Erregung über diesen Akt des Selbstzweifels verbergen. Im Straßburger Maison de l’Europe knisterte die Empörung, bis der Neuling aus Britannien schließlich einräumte: „Es hört sich ja alles ganz gut an, und es kann wohl auch nicht schaden, die Resolution anzunehmen.“ In Lord Gladwyns kurzem Auftritt spiegelten sich alle Möglichkeiten wider, die mit dem Eintritt der Engländer in das Europaparlament verknüpft wurden. Die Hoffnung bestätigte sich, daß die Abgeordneten aus dem Mutterland des Parlamentes die abgeschlaffte europäische Volksvertretung wieder in Schwung bringen würden; dann drängte sich aber auch die Sorge auf, daß sich die Neulinge aus Westminster allzu rasch den Ritualen der Alteingesessenen beugen könnten.

Frischer Elan und Fortschritt oder Gleichschritt im langsamen Rhythmus der Routine – so lautet die Alternative für die Briten. Das haben sie spätestens bei der dritten Sitzungsperiode des Europäischen Parlaments erkannt, an der sie in der vergangenen Woche teilnahmen. Von dem Enthusiasmus der ersten Stunde ist manches verflogen. Auch die Vorschußlorbeeren, die ihnen voreilig verliehen wurden, sind inzwischen verwelkt.

Aber die Ernüchterung war unausweichlich, die Antiklimax der Gefühle voraussehbar. Zu hohe Erwartungen hatten die Briten bei ihrem Eintritt ins Parlament begleitet; zu optimistisch waren auch die Vorstellungen, die manche Abgeordnete selber gehegt hatten. Die allgemeine Euphorie war nicht zuletzt durch die überschwengliche Berichterstattung in Großbritannien provoziert worden.

So hat die Zeitschrift European Trends jetzt errechnet, daß allein während der ersten Woche dieses Jahres in der britischen Presse mehr Worte über die Gemeinschaft gedruckt wurden, als die Bibel und Shakespeares Gesammelte Werke enthalten. Angesichts der Bedeutung, die die Briten dem Europäischen Parlament zumessen, dürften allein die Vorberichte über diese Institution voluminöser gewesen sein als das Alte Testament und die Shakespearschen Königsdramen zusammengenommen.

Auch jetzt, zehn Wochen später, bietet das Parlament noch Stoff für manche britische Zeitungsspalte. Aber statt der bisherigen Begeisterung enthalten sie nun kritische Anmerkungen, die häufig genauso übertrieben wirken. So erregte sich die Londoner Times am Donnerstag vergangener Woche in einer dreispaltigen Aufmachung auf der Frontseite über eine halbstündige Geschäftsordnungsdebatte, in der der neugewählte Präsident, der liberale Niederländer Berkhouwer, der Verworrenheit des Neuner-Plenums nicht mehr hatte Herr werden können. Die Ausgabe der Times war im Straßburger Europahaus sofort ausverkauft. Und die Alteuropäer wußten offenbar nicht so recht, ob sie sich freuen oder ärgern sollten, daß sie endlich einmal ernst genommen wurden. Treffender reagierte ein leiderfahrener Europabeamter, der mit leichtem Zynismus meinte: „Die Briten haben das System noch nicht begriffen, sie halten es immer noch für ein Parlament.“

Zumindest ein Brite hegt in dieser Beziehung seitdem gewisse Zweifel und verwechselt Straßburg nicht länger mit Westminster: Peter Kirk, Führer der Konservativen Fraktion, der das Europäische Parlament in seiner Jungfernrede „die letzte feste Hoffnung der Menschheit“ nannte, wäre inzwischen wahrscheinlich schon zufrieden, wenn es einmal zu einer Hoffnung für Europa werden könnte.