Ein Report von Kai D. Eichstädt, Barbara von Jhering und Wolfram Runkel

Bei Sekt und exotischen Leckerbissen feierten sie neue Rekorde und neue Programme: Delegierte aus den Paradiesen dieser Welt und europäische Reisemanager trafen sich auf der Internationalen Tourismusbörse in Berlin. Zur gleichen Zeit saßen eine halbe Taxistunde weiter nördlich am Tegelsee Touristikminister und Fachleute aus denselben Paradiesen zusammen mit deutschen Soziologen und Ökonomen und versuchten zu erklären, ob es „nicht am besten sei, den Tourismus in unsere Ländern ganz abzuschaffen“.

Das internationale Seminar war von der Deutschen Stiftung für Entwicklungsländer (DSE) bewußt auf die Zeit der protzenden Tourismusbörse terminiert worden, wurde aber von dieser so vornehm ignoriert, daß es beinahe unter Ausschluß der Öffentlichkeit stattfand. Dabei war das Thema aufregend genug: „Wirtschaftliche und soziale Implikationen des Tourismus“, ein Problem, das längst nicht mehr nur durch die Köpfe linker Ideologen geistert. Auch in Ministerien und Touristikhäusern setzt sich mehr und mehr die Erkenntnis durch, daß die „letzten Paradiese“ in der Dritten Welt durch die Touristen und dem Tourismus zuliebe zusehends dem Erdboden der Ersten Welt gleichgemacht werden. Immer neue Berichte aus den Entwicklungsländern provozierten schließlich die Frage: Wiegt der wirtschaftliche Vorteil, den der Tourismus den Entwicklungsländern bringt, die soziale Umweltverschmutzung auf?

Fremdenhaß und Prostitution

Das Berliner Seminar, an dem zum erstenmal auch Abgesandte der Länder teilnahmen, die bisher den Tourismus hemmungslos euphorisch beurteilt hatten, stellte nach zweiwöchiger Tagung zwei Kataloge auf: „Soziale Probleme“ und „ökonomische Probleme“. Die psychosozialen Probleme entstehen vor allen Dingen durch die „überstürzte Akkulturation“. Die einheimische Kultur wird in einem solchen Tempo mit westlichen Lebensgewohnheiten konfrontiert, daß psychosoziale Fehlentwicklungen entstehen:

  • Fremdenhaß (Reichtum, Arroganz, neokolonialistisches Auftreten der Touristen);
  • verstärkte Vorurteile, Imitation, Frustration, verlorene Authentizität der Traditionen (wie Folklore, Kunsthandwerk);
  • Prostitution (im weiteren, nicht allein im sexuellen Sinne).

Zu den deutschen Tagungsteilnehmern zählte, außer Soziologen und Ökonomen, die schon mit Werken über Tourismus in der Dritten Welt bekannt geworden sind, auch der 27jährige Journalist und Pädagoge Heinz G. Schmidt, der Anfang Januar mit einem polemischen Report über die Tourismussituation, die bis dato dahinplätschernde Diskussion zum Kochen gebracht hatte. Er hält die psychosozialen Auswirkungen des Tourismus für katastrophal: An Stelle eines besseren gegenseitigen Verständnisses zwischen Besuchten und Besuchern (Schmidt: „Solidarisierung“) registrierte er eine Verstärkung gegenseitiger Vorurteile („Die Schwarzen sind faul“, „Die Weißen sind arrogant“), auch Haß auf die Weißen. Bei den wirtschaftlichen Konsequenzen ist er noch radikaler und stellt beinahe jeglichen Nutzen für die Entwicklungsländer in Frage.