Von Hans Otto Eglau

Wissen Sie eigentlich, was mich darauf gebracht hat, Rheinstahl zu kaufen?“ scherzte Generaldirektor Hans-Günther Sohl im Kreise von Gästen, „Sie brauchen sich hier nur mal umzusehen.“

Ein Sohl-Gast löste die Scherzfrage: beim Anblick der blanken Edelstahlsäulen im Düsseldorfer Thyssen-Kasino, auf denen sich als Lichtreflex das Rheinstahl-Emblem, zwei nach oben zusammenlaufende Stahlbogen, abzeichnete.

Seit Mittwoch letzter Woche symbolisiert der Kasinoreflex den jüngsten Neuerwerb des führenden Stahltrusts in Europa. In einer der spektakulärsten Aufkaufaktionen seit Bestehen der Bundesrepublik sicherte sich Thyssen-Chef Sohl die Herrschaft über den seit Jahren kränkelnden Essener Rheinstahl-Konzern.

Der „größte Konzentrationsfall“ (FAZ) fand Freunde und Gegner eines stärkeren Zusammenrückens der deutschen Industrie auf vertauschten Posten. Während die Gewerkschaften, deren Vorsitzender Heinz-Oskar Vetter stellvertretender Thyssen-Aufsichtsratsvorsitzender ist, Sohls Übernahmeangebot an die Rheinstahl-Aktionäre ohne Einschränkung begrüßten, regte sich gegen die „Elefantenhochzeit“ (CDU-Wirtschaftsrat) von Unternehmerseite zum Teil heftige Kritik. Mit ihrem Rüffel an die Adresse des Thyssen-Chefs und BDI-Präsidenten machten die Manager zum erstenmal gegen einen führenden Mann aus den eigenen Reihen Front. Ihren neuen Stil demonstrierten sie dabei ausgerechnet an einem Konzentrationsfall, der bei weitem keine marktbeherrschende Stellung begründet und daher sicherlich den Segen der Brüsseler Wettbewerbshüter finden wird. Zur Abgrenzung gegenüber allzu expansiver Kollegen drängten sie vielmehr die Dauerattacken linker Systemüberwinder, gegen die Deutschlands Unternehmer bislang in einer kollektiven Abwehrstellung still verharrt hatten.

Dabei hat sich der Thyssen-Boß die Kritik seiner Kollegen selbst zuzuschreiben. Bedenkliche Praktiken und vermeidbare Ungeschicklichkeiten ließen selbst bei wohlmeinenden Konzernmanagern und Bankiers Zweifel an Sohls sprichwörtlichem Geschick aufkommen. Es fing damit an, daß er zirkulierende Börsengerüchte über ein angebliches Thyssen-Interesse an Rheinstahl allzu kategorisch als „puren Quatsch“ ins Reich der Fabel verwies.

Durch Berichte wie in der „Börsenzeitung“ (Überschrift: „ATH an Rheinstahl nicht interessiert“) zu der Annahme verführt, der zu dieser Zeit bereits gestiegene Kurs werde nach Sohls Dementi rasch wieder fallen, verkauften zahlreiche Rheinstahl-Aktionäre rasch ihre Papiere. Gleichzeitig legten Eingeweihte unter Verletzung der Insider-Regeln große Summen in Rheinstahl-Aktien an. Um die Insider-Affäre aufzudecken, schaltete sich jetzt sogar die Bundesregierung ein. Helmut Schmidts Staatssekretär Karl Otto Pohl forderte den mit der Untersuchung beauftragten Vorsitzenden der Düsseldorfer Börsenkommission, Hans Näke, Anfang der Woche auf, seine Nachforschungen mit allem Nachdruck zu betreiben und Bonn anschließend zu informieren.