Wer zu einem Duell dem einen Gegner eine Maschinenpistole in die Hand drückt, während er den anderen nur mit einem Pappschwert ausstaffiert, wird nicht gespannt den Ausgang des Gefechts erwarten dürfen. Tankred Dorsts neues Stück, die „Eiszeit“, das in Bochum in der Inszenierung Peter Zadeks uraufgeführt wurde, ist – dramaturgisch gesehen – ein solches Duell zwischen einem überlebensgroßen Neunzigjährigen und seiner eher zwergenhaft verkümmerten, weil jüngeren Umwelt.

Da es sich aber nicht um irgendeinen x-beliebigen Greis handelt, sondern Dorst (obwohl das namentlich nie gesagt wird) sich für seine Figur das Schicksal des Nobelpreisträgers und später als Kollaborateur mit den Nazis verurteilten Knut Hamsun zum Muster genommen hat, ergeben sich für das Stück politische Implikationen. Der Greis wird in ein Altersheim gesperrt, wo er fremd, unnahbar, herrenhaft isoliert, im Grunde aber unverletzbar lebt, vor einen Untersuchungsausschuß gezerrt, wobei sich seine (auch listig eingesetzte) Schwerhörigkeit ebenso wie sein starr getrübtes Erinnerungsvermögen ins Recht setzen: An einer solchen Figur prallen alle Befragungen als nahezu unerheblich ab. Und auch wenn man mit Intelligenztests seine vermeintliche Debilität prüft, bleiben angesichts des eingefrorenen und entrückten „gesunden Menschenverstandes“ nur die Testfragen lächerlich auf der Strecke.

Grob gesagt: die politischen Scheinfragen und Scheinprobleme, die sich das Stück stellt, taugen nichts, ergeben nichts. Ob sich Leute wie Ezra Pound oder Knut Hamsun politisch für ihr Fehlverhalten nachträglich zur Verantwortung ziehen lassen oder nicht, ob – wie kürzlich geschehen – ein Interview mit dem vereinsamten Ernst Jünger mehr ergibt als den Ausdruck einer imponierend-rührenden Alters-Isolation, die der Gegenwart ins „Zeitlose“ entwandert ist, dort den knorrigen Charme des Rudimentären, Anachronistischen entfaltend – das alles sind Fragen, die nicht einmal mehr das Thema „Generationskonflikt“ streifen. Aus Dinosauriern läßt sich kein Gruppenverhalten ableiten, also auch kein Drama.

So kommt es, daß die Hamsun-Parallele, so unentschieden sie auch eingesetzt ist, Dorsts Stück gleichzeitig trägt und beschädigt. Getragen wird das Stück auch durch die Assoziation an das unverrückbare, unänderbare Relikt der Größe und des Ruhms, beschädigt von der Tatsache, daß sich Dorsts „Eiszeit“ (wenn auch nur schwächlich) als politisches Thesenstück mißdeuten läßt: Das sind schon merkwürdige Widerhaken, wenn man die antifaschistische Kommission auf einmal im Unrecht gegenüber dem angegriffenen und daher unangreifbaren Greis sieht, sich auf seine Seite schlägt, weil sein Nichtmehrverstehen der Welt auch wie ein gründlicheres, tieferes Verstehen wirkt und erscheint.

Jedoch ist Dorsts Stück da interessant, fesselnd, über den vagen Bilderbogen hinausgehend, wo es sich scheinbar nur damit bescheidet, einen der Zeit Entwachsenen mit den Menschen zu konfrontieren, die, noch in der Zeit leben müssen. Wenn etwa der Sohn, der, weil er noch nicht so alt ist, einfach alt wirkt, vor unbegründeter Besorgnis um den Vater selber in besorgniserregende Zustände verfällt, dann entfaltet das Stück eine szenische Genauigkeit, die zumindest zeigt, daß es dem Theater für Augenblicke scharfe Rollen in prägnanten Situationen anbietet. Mit großer Präzision schildert Dorst etwa die das eigene Leben immer wieder vertagende Bindung von Frau und Sohn an diesen Greis, der sie gerade durch seine Gleichgültigkeit, dadurch, daß er nicht auf sie angewiesen ist, an sich schmiedet. Und mitten in dem Bilderbogen, dessen Bilder vage, verschwimmend, auch viskos, stockend zähflüssig sein wollen – so als wollten sie in der dramatischen (Nicht)-Struktur noch einmal ein Verlaufsbild vom Greisenalter wiederholen – mitten in diesen oft verdämmernden Szenen kommt es dann wieder zu einer Begegnung zwischen dem Alten und seinem nur um wenige Jahre jüngeren, landstreichenden Jugendfreund, der gekränkt hört, daß er erst achtundachtzig sein soll (und nicht neunzig, wie er glaubt). Diese Szene, in der die beiden in einer Mischung aus Altersbosheit, Selbstbehauptung, Melancholie und versteinter Unberührtheit sich vergewissern, wie ihre Bekannten allesamt weggestorben sind, Jugenderinnerungen zur Gegenwart werden lassen und im Wiedererlernen von Rauchringblasen eine kindliche Hingabe zurück in ihr Leben holen, so daß akute politische Angaben wie die über den Präsidenten Truman, ja selbst über Hiroshima nicht mehr an die kreatürliche Unnahbarkeit heranreichen – diese Szene wischt in der Tat alle Problematik, die das Stück sich sonst herankarren will, als beiläufigen Schnickschnack beiseite, obwohl Dorst in ihr eine Objektivität erreicht hat, die ohne sentimentale Drücker auskommt.

Dabei hatte Peter Zadeks Inszenierung durchaus nichts von einer Weihnachtsmann-Rührung vor dem Alter. Mit einer naturgetreuen Eiche im Mittelpunkt, die gleichzeitig knorriges Symbol und Platz für die Altenbank war, in geschickt verdämmerndem Bühnenlicht verwirklichte Zadek etwa ein Maskenfest im Altersheim als Grotesk-Elegie, wo Lebenslust mit gichtigen Gliedern einhertapert, sich in sinnlose Erinnerungen verzettelt, mit Wolldecken eingewickelt wird, wo jugendliche Masken schmerzhaft das Altgewordensein des Körpers unterstreichen, kratzende Schallplatten, die Vergangenheit wie einen absurden Talmiglanz über eine nicht mehr vorhandene Gegenwart schütten.

Den Alten spielt O. E. Hasse: Mit schlurfenden Schritten in den geflickten Galoschen wurde die Unbeugsamkeit eher unterstrichen als gebrochen. So wie der Ausdruck der Schwerhörigkeit gleichzeitig List und Hilflosigkeit war, so setzte Hasse auch seine vorgebliche Unbeugsamkeit als Waffe ein; er verstand sehr gut, was er nicht mehr verstehen konnte oder wollte. Wieviel daran noch Altherren-Attitüde war (der vorgebliche Bauer, der auch ein Nobelpreisträger ist), wurde deutlich, wenn Hasse für Momente umständlich, weil unbeobachtet, die Utensilien beiseite räumte, mit denen ihm sein jugendlicher Gegner gezeigt hatte, daß er ein Nazi gewesen sei, sich keuchend neben sie setzte.