Der sogenannte demokratische Sozialismus“ – und das heißt für die Bundesrepublik die Sozialdemokratie – ist gemäß These 40 des Düsseldorfer Parteitags der „Deutschen Kommunistischen Partei“ (DKP) von 1971 „Bestandteil imperialistischer Ideologie und Politik“.

Diese Herausforderung muß ernst genommen und beantwortet werden. Tatsächlich scheint eine neue Auseinandersetzung mit dem orthodoxen Kommunismus zu beginnen, mit der weder die umfangreichen Arbeiten Bochenskis, Fetschers, Wetters und anderer noch die im roll-back-Denken der Dulles–Adenauer-Zeit befangenen antikommunistischen Pamphlete fortgesetzt werden sollen. Jetzt versucht ein sozialdemokratisches Autorenkollektiv die DKP und ihre Nebenorganisationen allgemein verständlich, wertend und in lesbarer Kürze darzustellen:

Helmut Bilstein u. a.: „Organisierter Kommunismus in der Bundesrepublik Deutschland. DKP – SDAJ – MSB Spartakus“; Analysen, Bd. 15; Leske Verlag, Opladen 1972; 6,80 DM Auf 21 Seiten wird die DKP vorgestellt: ihre

Entwicklung, Organisation, ihre Ideologie und Strategie. Acht Seiten werden auf die „Sozialistische Deutsche Arbeiter-Jugend“ (SDAJ), sieber. auf den Studentenverband „Spartakus“ verwendet. Auf zehn Seiten wird der „organisierte Kommunismus im innenpolitischen Konflikt“ behandelt. Eine lobenswerte Tradition der Analysenreihe wird auch hier beibehalten: eine gut ausgewählte, vergleichsweise umfangreiche (25 Seiten) Sammlung von Materialien.

Der Versuch, klar und kurz zu sein, ging nicht ohne Verkürzungen und Polemik aus. So ist zu fragen, ob im Zusammenhang mit innerparteilichen Disziplinarverfahren von „Zerschlagung“ und „Säuberung“ gesprochen werden sollte; setzt man sich hier nicht ähnlichen Vorwürfen aus wie jene, die allzu leichtfertig mit Begriffen wie „faschistisch“ oder „faschistoid“ umgehen? Werden die Säuberungen unter Stalin nicht verharmlost, wenn ein – zugegeben: unvertretbares – innerparteiliches Vorgehen begrifflich mit eben jenen Säuberungen gleichgestellt wird?

Den Autoren muß bescheinigt werden, daß sie um eine leidenschaftslose (nicht standpunktlose!) Darstellung bemüht waren. Leider ist ihre eigene politisch-ideologische Position nur unzureichend gekennzeichnet. Dieser bei der vorgegebenen Kurzform unvermeidbare Mangel kann sich auch methodisch-didaktisch als bedeutsam erweisen: die kompromißlose Kritik an der DKP ließe sich als konservativ motivierte Verteidigung des gesellschaftlichen Status quo mißverstehen; die Aufnahmebereitschaft für Argumente gegen die Programmatik der DKP – formuliert im Interesse am sozialen Fortschritt – könnte bei einem Teil der potentiellen Leser damit schwinden.

Dabei wäre es gut, wenn möglichst viele verstünden, welche Bedeutung beispielsweise dem „demokratischen Zentralismus“ in Verbindung mit dem „wissenschaftlichen Sozialismus“ zukommt: Solange sich die kommunistischen Parteien nicht von der Theorie und Praxis der leninistischen Parteiorganisation lösen, werden die bekannten Deformationen der bisherigen sozialistischen Versuche fortbestehen – weil sie nicht „Betriebsunfälle“ sind, die sich in Zukunft vermeiden ließen, sondern die notwendige Konsequenz eines verfehlten Ansatzes. Westdeutsche Intellektuelle sollten der DKP die Anwendung Marxschen Denkens auf den Marxismus-Leninismus und seine Folgen nicht ersparen.