Herbert Wehner, seit 15 Jahren stellvertretender Vorsitzender der SPD, will auf dem Parteitag in Hannover Mitte April „aus persönlichen Gründen“ nicht wieder für dieses Amt kandidieren, jedoch Fraktionsvorsitzender bleiben und auch – bei Wiederwahl – im Vorstand und Präsidium fortwirken.

Die überraschende Verzichtserklärung war das wichtigste Ergebnis einer Tagung der SPD-Führungsgremien am Wochenende in Bonn. Sie wurde außerdem von deutlichen Mahnungen des Parteivorsitzenden Brandt an die Adresse der Radikalen in der Partei bestimmt.

Herbert Wehner, 66 Jahre alt, gilt als der Meister des „Apparates“ der Partei, Er hat die SPD in geduldiger Kleinarbeit an der Basis stufenweise auf die Regierungsverantwortung vorbereitet – über das Bekenntnis zum atlantischen Bündnis und die Große Koalition mit der CDU.

Willy Brandt, der Wehners Entschluß „bedauert, aber respektiert“, will den Delegierten in Hannover den nordrheinwestfälischen Ministerpräsidenten und SPD-Landesvorsitzenden Heinz Kühn als Nachfolger vorschlagen (zweiter stellvertretender Vorsitzender ist Helmut Schmidt). Kühn wird kandidieren.

Mindestens sieben Sitze sind im SPD-Vorstand neu zu besetzen, weil Karl Schiller die Partei verlassen hat und andere SPD-Politiker nicht wieder kandidieren – so neben Wehner auch Karl Wienand, Werner Figgen, Kurt Conrad, Alex Möller und Ernst Schellenberg. Als Kandidaten schlug der Vorstand außer Kühn vor: Bundesminister Horst Ehmke, Peter von Oertzen (Niedersachsen), Hermann Buschfort und Hermann Heinemann (Nordrhein-Westfalen), Bruno Friedrich (Franken), Maria Schlei (Berlin) und Friedel Läpple (Saarland),

Von diesen Kandidaten wird Kühn, ein Mann der Mitte, mit Sicherheit eine ausreichende Stimmenzahl erhalten. Den SPD-Landesvorsitz in Nordrhein-Westfalen würde er aufgeben. Brandt begründete diesen Personalvorschlag mit dem Wunsch nach stärkerer Verbindung zwischen Bundes- und Landespolitik in der SPD. Zugleich hofft er durch die Wahl Kühns die innerparteilichen Spannungen zu entschärfen.

Wie ernst Brandt diese nimmt, bewies seine Rede auf der Tagung in Bonn, in der er sich mit den Kritikern des linken Parteiflügels zurückhaltend, aber unzweideutig auseinandersetzte.