Von Marion Gräfin Dönhoff

Nirgends ist der Vorfrühling so schön wie in Berlin. Der Himmel ist makellos blau, das Licht glasklar, die Luft frisch. In den Vorgärten von Dahlem und Grunewald spielen die Kinder Ball, und auf dem Rasen, zu Füßen der sonnenbeschienenen Kiefern, hüpfen dicke schwarze Amseln hin und her. Eine ganze Woche lang ist ein Tag wie der andere: kühl, klar und leuchtend.

Ich bin nach Berlin gekommen, um einmal zu sehen, wie sich das Leben in der einst „belagerten Festung“ entwickelt – jetzt, wo die Ostverträge die Grundlage für Entspannung und Normalisierung gelegt haben. Die Frage heißt: Was ist Berlin heute? Und was soll aus der Stadt werden?

Berlin ist zunächst einmal sehr sichtbar anders als Westdeutschland. Alles ist einfacher, weniger reich, nicht so pointiert modern, nicht so geschleckt: die Wohnungen, die Büros, die Sekretärinnen. Das Arbeitstempo ist ruhiger, der Streß nicht so spürbar.

„Wie lebt es sich denn hier so?“ frage ich einen jungen Bekannten, der vor ein paar Jahren an der TU Examen gemacht und sich jetzt eine eigene geschäftliche Existenz aufgebaut hat.

„Man lebt in bewußter Distanz zur Bundesrepublik. Viele wollen mit der dortigen Gesellschaft nichts zu tun haben. Sie sind hier, weil sie nicht in der Bundeswehr dienen mögen oder weil sie es zu Haus satt haben oder auch weil sie einfach anonym leben wollen. Hier fragt niemand, wo man herkommt, in welchen Kreis man gehört. Das hat freilich auch seine Schattenseiten: Es gibt keine integrierte Gesellschaft, man ist ziemlich einsam, wird selten eingeladen. Die Professoren sind meist untereinander zerstritten, die Verwaltung besteht fast ausschließlich aus kleinen Leuten provinziellen Zuschnitts.“

„Und warum bleiben Sie hier?“