Die Marcos-Diktatur: glatt nur an der Oberfläche

Von Barbara von Jhering

Manila, im März

Ferdinand E. Marcos, Präsident der jüngst wieder von Erdstößen und Aufständen geschüttelten Inselrepublik, sitzt auf einem Pulverfaß. Trotz seines Regimes der eisernen Faust, trotz Kriegsrecht und Verfassungsputsch ist es ihm bisher nicht gelungen, die aufrührerischen Gruppen in verschiedenen Teilen seines Landes in Schach zu halten. Kommunistische Rebellen im Norden sowie die rund vier Millionen Mohammedaner im südlichen Mindanao und auf dem Zulu-Archipel sorgen immer wieder dafür, daß der Präsident seiner Macht nicht recht froh werden kann, obwohl er. alle politischen Gegner ausgeschaltet hat.

Wer nur die gefilterten Nachrichten der gelenkten Presse kennt, der mag heute den Eindruck gewinnen, daß für die einst durch abnorm hohe Kriminalitätsziffern, durch die Mafia-Methoden des Big Business und die selbst für asiatische Verhältnisse ungeheure Korruption unter den Beamten verschreckten Bürger der große demokratische Frieden angebrochen sei. Tatsächlich präsentiert sich die Hauptstadt dem harmlosen Touristen als verhältnismäßig saubere, ungefährliche Stadt. Anders als früher kann man heute sicher sein, sein Auto unversehrt dort wiederzufinden, wo man es abgestellt hat. Dreck und Schmutz sind von den Straßen verschwunden. Die Zahl der an allen Ecken, in Hotel-Lobbies und Banken herumstehenden Privatpolizisten nimmt sich geradezu bescheiden aus im Vergleich zu den Massen von Bewaffneten, die vor der Einführung des Kriegsrechts in Manila zu sehen waren.

Aber der Schein trügt. Unter der glatten Oberfläche brodelt es. Wer sich mit Oppositionellen in Manila unterhält, erkennt die Zeichen der Unfreiheit, die das Land in die fatale Nähe von Spanien und Griechenland rücken. Die Pressezensur ist rigoros: Sobald ein kritischer Artikel erscheint, wird selbst bei ausländischen Zeitungen die ganze Ausgabe beschlagnahmt. Die nächtliche Sperrstunde dauert von Mitternacht bis vier Uhr morgens. Streiks sind verboten; wer ausreisen will, kann dies nur mit Genehmigung tun.

Ich habe mit Filipinos gesprochen, die monatelang im Gefängnis saßen und auch heute nicht wissen, wann sie wieder inhaftiert werden, mit ausländischen Geschäftsleuten, mit Vertretern der unteren Mittelschicht (die nach offizieller Lesart die loyalsten Gefolgsleute des Präsidenten stellt) und mit den Angehörigen eines noch immer gefangengehaltenen Senators. „In seiner ersten Amtsperiode hat Marcos Autobahnen gebaut und Arbeitsplätze geschaffen, dann ging es abwärts – wie bei Hitler“, sagte mir einer der vielen jetzt arbeitslosen Journalisten. Sein Lachen war sarkastisch gemeint, aber es klang trostlos. Wie seine Kollegen versucht er, die Zeit des Schreibverbots mit Sport und Spazierengehen totzuschlagen. „Immer noch besser als Gefängnis“, meint er – und seit seiner siebzigtägigen Haft weiß er genau, wovon er spricht.